Ohne ÖPNV im Abitur

Die Poetry Slammer kennen sich mit Bier aus und Berlins Randbezirken. Haben vielleicht auch mal ein Buch gelesen oder einen Computer benutzt. Von Politik wissen sie wahrscheinlich mehr als ich. Wir sprechen aber nicht darüber. Über Politik spreche ich erst, wenn ich zu viel intus habe. Dann möchte ich Grundrechte verletzen. Am liebsten reden die Poetry Slammer über sich und ich auch. Volksbühne, Soho House und Instagram sind Fremdworte für sie. Wenn ich diese Worte verwende, sehen sie mich an, als hätte ich persönlich ihre Miete erhöht. Volksbühne, Soho House und Instagram interessieren sich nicht für mich. Ich bin zu alt und zu wenig nackt. Das ist nicht schlimm. Dann dreht sich eben manchmal jemand weg, weil ich nicht so wichtig bin. So wandle ich wie ein Gespenst zwischen den Welten, gehöre nirgendwo dazu und habe meine Ruhe. Wenn ich nachts wach im Bett liege, dann nicht wegen sowas, sondern weil die internationale Jugend draußen Krawall macht. Es ist Montagnacht um drei, aber was können die denn dafür, dass ich noch nicht schlafe. Es ist ja auch eine warme Nacht und ich war doch auch mal jung. Aber ich habe damals nicht zu zehnt auf dem Mittelstreifen gestanden und Hiphop gehört. Ich wünsche mir einen Atombombenhagel und eine Panzerdivision mit Maschinengewehren, damit diese kleinen Scheißer nach Hause gehen. Wenigstens ist klar, dass die kein Abitur kriegen werden. Das tröstet mich. Wer Montagnacht um drei zu zehnt auf dem Mittelstreifen Hiphop hört, wird später nicht Medizin studieren und auch keine Mediävistik. Tut mir leid, Jungs.

ICH MUSS IN DIE BIBLIOTHEK. Bücher zurückgeben. Seit Wochen denke ich das jeden Tag. Der Gedanke an die Bibliothek kommt immer wie so ein elektrischer Impuls. Dann reiße ich die Augen auf, mein Herz schlägt schneller und dann muss ich mich ins Bett legen, um mich zu beruhigen. Heute wird das auch nichts mehr. Bin ja gerade erst aufgestanden, wegen den Hiphoppern letzte Nacht. Viel schlimmer, als in die Bibliothek zu gehen, ist dass ich täglich dran denken muss. Wenn jemand meine Gedanken nach Häufigkeit sortieren müsste, dann wäre das der größte Stapel: ICH MUSS IN DIE BIBLIOTHEK. Der zweitgrößte wäre: ICH MUSS AUFRÄUMEN. Der drittgrößte: ICH SOLLTE MAL WIEDER IN DEN BRIEFKASTEN GUCKEN. Da bleibt nicht mehr viel Kapazität übrig, deswegen bringe ich auch nichts zustande. Ich schaffe es ja nicht mal in die Bibliothek. Neulich war ich trotzdem auf eine Party eingeladen. Da gab es Wodka Red Bull umsonst und der Geruch davon und der Patchouligeruch im T- Shirt des Gastgebers haben mir so ein Flashback gemacht, weil ich als ich 16 oder 18 oder 21 war, andauernd Wodka Red Bull getrunken habe und mit Jungs rumgemacht habe, die nach Patchouli rochen. Aber der Gastgeber ist seit zehn Jahren verheiratet und ich bin trotz des Red Bull so müde und deswegen müssen wir sofort gehen. Stürzen uns wie Taucher rückwärts vom Partyrand in die Dunkelheit, damit wir nicht Tschüss sagen müssen und sind dann in die Ringbahn, aber falschrum eingestiegen, was wir erst nach Südkreuz gemerkt haben und deswegen hätte sich zurück fahren auch nicht mehr gelohnt und darum haben wir für den Heimweg dann anderthalb Stunden gebraucht, statt 20 Minuten. Weil die Bahn nämlich am S- Bahnhof Wedding stoppte und zurück fuhr und man musste in die S- Bahn auf der anderen Seite wechseln und am Gesundbrunnen fuhr sie überhaupt nicht mehr weiter und da kam auch keine andere mehr und wir wollten nicht laufen und sträubten uns gegen ein Taxi, also sind wir zur U- Bahn und dann noch zwei Stationen und die Straßenbahn sollte erst in 13 Minuten kommen und dann sind wir den Rest gelaufen und haben den ÖPNV verflucht, denn wenn man einen zuverlässigen ÖPNV braucht, dann doch wohl nachts, man kann doch die Menschen nicht nachts einfach stranden lassen. Wenn man das nicht hinkriegt, dann kann man den ÖPNV doch gleich abschaffen, so ehrlich sollte man doch sein. Dann kann man sich die Fahrscheinkauferei sparen und zu Hause bleiben.

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Published on: Mai 23, 2017

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