Nur die Harten komm in Garten

Ich muss einen Roman schreiben. Das kurze Zeug will keiner haben und Ausnahmen bestätigen die Regel. (Judith Hermann, Alice Munro)

Na und? Ick bleib mir selber treu. Ich mag es kurz, ich mag das Gequatsche nicht. Was man nicht kurz sagen kann, sollte man gar nicht sagen.

Aber in kurz nimmt einen keiner ernst. Na und? Sagen wirs anders: In kurz nimmt einen keiner wahr.

Darum geht es doch. Wahrgenommen zu werden. Das lässt sich dann ökonomisieren.

Ich habe eine solche Sehnsucht nach Geld, nach dem beruhigendem Komfort von ein bisschen Asche.

Sehnsucht nach einer Reise im ICE oder Flugzeug, nach einem Hotel, nach einem Hotelfrühstück. Nach Teppichboden in einer Lobby, nach neuen Arten von Weltekel und Unzufriedenheit.

Sehnsucht nach einem Essen in einem Restaurant mit Kellnern und drei verschiedenen Sorten Wein pro Gang. Sehnsucht danach, barfuß über einen hochwertigen Boden aus handbemaltem Terracotta zu gehen, ohne Krümel und Orangenbäume vor dem Fenster. Oder auch Parkettboden zu haben und einen Kamin und eine Küche mit Schüben ohne Griffe. Wenn man die Schübe schließt, dann klickt es ganz leise.

kühli

Da brate ich mir dann ein Rührei mit mallorquinischem Olivenöl in einer Kupferpfanne.

Wenn mir die Küche eines Tages einfach so nicht mehr gefällt,  lasse ich sie rausreißen und eine neue einbauen, tralalala.

Ich möchte Ressourcen verschwenden können.

Es ist mir eigentlich egal, woher das Geld kommt. Ob mein Mann plötzlich erbt, oder sich entschließt, in einer Bank zu arbeiten, oder ob man mir für was für einen Roman vorschießt, oder beides.

Wie sollte dieser Roman sein? Wenn ich eine gute Idee habe, dann müsste er sich fast von selbst schreiben, aber in einer schönen Sprache, keinem unbedarften Geschwätz.

Er sollte versnobt sein und voller Anspielungen. Aber wie bekomme ich die Anspielungen da rein? Kafka, Tschechow, Dostojewski, Tolstoi, Kant, Balzac, Maupassant, Stendhal, Voltaire, Goethe, das habe ich alles schon mit 12 gelesen und seither vergessen.

Ist nur so ein Rauschen geblieben. Stattdessen nachts Leseproben auf dem Kindle.

Keiner schreibt so gut, wie ich schreiben würde.

Aber soll ich mich jetzt elf Jahre in einer Bibliothek verkriechen und das Jahr 1981 recherchieren, um dann 3000 Seiten über Details zu schreiben?

Lars Barthel fragt Thomas Plenert in der Sascha Anderson Doku: Wenn man nach der Wende nicht aus der Stasi entlassen wurde, ist man dann immer noch bei der Stasi?

Ja, antwortet Plenert ohne zu zögern.

Das wäre ein guter Ausgangspunkt. Aber wie lange trägt die Perspektive, Stasiberichte aus der Neuzeit zu schreiben? Im Grunde mache ich das ja schon. Ich schätze Situationen und Personen ein und erstatte davon Bericht. Allerdings nicht an irgendwelche unappetitlichen Trainingsanzugträger in grindigen Hotelzimmern ostdeutscher Kleinstädte, sondern der ganzen Welt (unaufgefordert!) und da sind sicherlich auch viele Unappetitliche dabei.

In den 80ern wars schön im Osten, wer gehen wollte, konnte gehen und wer saufen wollte, konnte saufen. Im Westen publizieren wollten sowieso alle, da hat sich jetzt gar nicht so viel geändert.

Ich will auch im Westen publiziert werden.

Wenn man den Sascha Anderson Film sieht, hat man nicht das Gefühl, dass er was Schlimmes getan hätte, also jemandem geschadet,  außer sich selbst.

Anderson gehts gut heute, er lebt mit Walsers Tochter in den Weinbergen bei Frankfurt. Die Geschichte hat ihm recht gegeben.

Also schreibe ich weiter meine Berichte. Das ist peinlich, aber ich mache das nur, weil ich auch einen Weinberg will und einen arrivierten Mann, denn wie heißt es so schön?

Nur die Harten komm in Garten.

Scan 179

Written by:

Published on: Oktober 22, 2015

Filed Under: Text

Tags: , , , ,

2 Responses to Nur die Harten komm in Garten

  1. SOS – war das nicht was mit lang-kurz-lang? Aber in welcher Reihenfolge?
    Ich lese von Deinen Nöten und erkenne mich wieder. Da verpulvert man ein Feuerwerk guter Kurzwaren – und zisch! isses wieder duster. Meistens ruft noch nicht mal eine(r) Ohhh oder Ahhh.
    Haust du aber 500 Seiten raus: Toll, woher nimmst du bloß diese Ideen?
    Bin gerade in der Planung für den Novemberroman bei NaNoWriMo. Allein das WORT Planung. Erinnert an Knaus-Ogino.
    Kann man nicht einfach mal schreiben und wenigstens ein Terracotta-Grundeinkommen beziehen?
    Liebe Grüße
    Micha

  2. LB sagt:

    Ich finde, die Schübe sollten so langsam werden und dann lautlos einrasten. Und in ihrem Inneren sollten sie ganz ohne Krümel sein und mit geordnetem geputzten Besteck gefüllt. Und jeden Tag soll eine ZUGEHFRAU kommen. Zugehfrau. Ah.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen