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Nocturne in Cis- Moll

Sind ja schon viele mit dem Zug nach Polen gefahren, aber nur wenige zurückgekommen. Naja. Meine Schuld ist es nicht. Wir fahren stundenlang, steigen um und fahren noch mal stundenlang und noch immer haben die Orte deutsche Namen. War ja alles mal unsers gewesen. Ich fühle mich wohl hier. Hier gibt es viele Besoffene in den Zügen und es riecht nach Zwiebelchen und hartgekochten Eiern. Das ist der Ostblock, das ist fast schon Sibirien und da hinten ragt schon die chinesische Mauer auf.  

Wir steigen aus und sind da, auf einem Reiterhof, tief tief tief im dunklen Wald. Ich hoffe sie merken nicht, dass ich Jude bin und holen mich nachts mit der brennenden Mistgabel aus dem Bett. Zur Sicherheit bekreuzige ich mich vor den überall aufgestellten Marienfiguren, damit kein Verdacht aufkommt.

Im Gästebuch sind nur deutsche Einträge. Erbärmlich. Erst haben wir uns vertreiben lassen und jetzt fahren wir hierher, um Geld zu sparen, weil wir uns Ferien im eigenen Land nicht mehr leisten können.

Es ist aber auch unglaublich billig! Zehn Tage Vollverpflegung, Frühstück, Mittag, Abendbrot, Reitunterricht nur 12 Zloty 50 Groszy!

Am ersten Tag schreite ich noch barfuß durch den Wald, reibe mich an den Bäumen, wälze mich in den vereisten Tümpeln, lecke die Tautropfen vom Moos, flechte mir Reitpeitschen aus Weidenrinde, bekränze mich mit Eichenlaub und erlege Wildbret mit Pfeil und Bogen, und was man sonst noch im Wald so macht.

Am zweiten Tag striegle ich die Pferde, miste die Ställe aus, stelle ich ein Regiment zusammen, um das verlorene Land zurückzuerobern, lasse ich Schützengräben graben und Drahtverhaue ziehen. Wir werden eingekesselt und im Morgengrauen unter Beschuss genommen. Ich werfe mich auf den Boden. Schüsse fallen. Über mir explodiert ein Schrapnell, mein Regiment wird aufgerieben und ich gehe früh ins Bett.

Am dritten Tag bleibe ich im Bett, ich bin so müde von der ganzen frischen Luft. Stehe nur zum Essen auf. Ich bin jetzt fresssüchtig. Zum Frühstück 5 Eier, drei Käsebrote und fünf Schälchen Bananenquark. Mittags dann 4 Teller Suppe mit Einlage, 4 gebackene Schnitzel, Kartoffelstampf, Buttersauce, Schokoladenpudding und drei Sorten Kuchen und Schokoladenpudding.

Nachmittags Kuchen.

Abends Würstchen, Kartoffelsalat und Würstchen und hartgekochte Eier mit Mayo und Würstchen und Kartoffelsalat und hartgekochte Eier mit Mayo und Mayo und Kuchen und Schokoladenpudding.

Dazu trinke ich einen ausgezeichneten polnischen Rotwein. Kühl und süß, genau wie ich ihn am liebsten hab.

Dann gehts wieder ab ins Bett. Ich hab kein WLAN im Zimmer und verbrauche mein Eigengewicht in Gold für Datenrate.

Am vierten Tag geh ich reiten. Es ist ganz leicht. Am besten geht es mit zwei Pferden. Am liebsten stehe ich mit dem linken Bein auf Elikso und mit dem rechten auf Madras. Der Pferdeknecht ist zufrieden mit mir. Ich frage ihn, was „Triff mich nachts um halb drei hinterm Stall“ auf polnisch heißt.

Es heißt: “Dzieci palaczy czesciej zostaja palaczami”

Wir haben heißen Sex in sieben verschiedenen päpstlich verbotenen Stellungen, aber leider nur einmal, weil er katholisch ist.

Am fünften Tag weine ich. In zehn Tagen nur einmal Sex, wie soll ein Mensch das nur ertragen?

Am sechsten Tag habe ich immer noch Muskelkater vom Reiten und humple über die matschige Pferdekoppel. Hinterm Hügel finde ich einen meiner geliebten matschigen Teiche. Ich krame einen Euro aus der Tasche, küsse ihn und werfe ihn in den Teich und wünsche mir, dass die restliche Zeit ganz schnell vergeht und ich wieder nach Hause fahren kann.

Am siebten Tag fällt mir auf, dass ich mich in Berlin aber eigentlich nicht mehr blicken lassen darf. Ich habe so viel gegessen, dass ich nicht mehr in meine Socken passe.

Am achten Tag träume ich von Berliner Clubs. Ich stehe in der Schlange und will Karten im Vorverkauf erwerben für ein 5 Tage Techno Event in der Volksbühne. Ich habe mich aber an der falschen Seite angestellt. Als ich es bemerke und mich an der richtigen Seite anstelle und endlich drankomme, sind alle Tickets für Dienstagabend weg, es gibt nur noch welche für Freitag oder Samstag. Aber ich will am Dienstag ausgehen und nicht am Wochenende, weil das cooler ist und ich am Wochenende keine Zeit habe. Ein Typ sagt zu mir, ich soll am Abend einfach hinkommen und nach Kalle Döring suchen und wenn ich ihn finde, dann soll ich Kalle Döring sagen, er soll Schmolli anrufen und Schmolli, das sei nämlich er selber nämlich der Chef und dann würde er kommen und mich reinbringen, das sei gar kein Problem. Ich will ihn fragen, ob ich Kerstin, Kay und Christoph mitbringen kann und warum er uns nicht einfach gleich auf die Gästeliste schreibt, aber ich denke dann, ich nehme sowieso alle meine Freunde mit und er wird sich schon etwas dabei gedacht haben, wenn er will, dass ich es so mache. Ich frage ein paar Mal nach den Namen die ich mir merken soll, Kalle Döring ist schon leicht genervt von mir, aber ich kann mir Kalle Döring und Schmolli einfach nicht merken und ich kanns nicht aufschreiben, weil ich wieder mal keinen Stift mit ins Bett genommen habe.

Schließlich wache ich auf und bin immer noch in Polen.

Am neunten Tag gehe ich durch die Schonung zum Dörfchen und kaufe mir Bier im Dorfladen und zisch das auf dem Parkplatz weg und kokele im Buswartehäuschen rum und trete die Mülleimer ab und als ich noch mal in den Dorfladen will, wegen noch mehr Bier und eine Oma mich böse anguckt und mir den Vortritt nicht lassen will, fuchtele ich mit meinem Messer vor ihr rum. Es dauert nicht lang und sie bringen mich in Handschellen zum Dorfsheriff. Ich bin schon ganz feucht im Höschen, aber der Dorfsheriff lässt mich sofort wieder frei, gegen Auflage einer Geldbuße von 25 Zloty. Keiner nimmt mich ernst. Ich will nach Hause.

Am zehnten Tag schreibt meine Mutter über Whatsapp dass es Angriffe auf Weissensee und Köpenick gegeben hat. Prenzlauer Berg und Mitte stehen aber noch und das ist die Hauptsache. Friedrichshain und Kreuzberg sind beinahe komplett bombardiert, was mich persönlich freut. Ich kann endlich wieder nach Hause fahren, für die Eisenbahn bin ich zu fett, darum mache ich einen polnischen Abgang.  Hallo Berlin!

Da bin ich wieder!

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