Mittlerweile steh ich drauf

Wenn ich als Kind was nicht machen wollte, was ich machen sollte, oder Angst davor hatte, habe ich mich mit Absicht total in so einen massiven Ausnahmezustand reingesteigert.

So habe ich erreicht, dass ich ein Kleid anziehen konnte, statt einer Hose oder umgekehrt, oder heute mal nicht in den Kindergarten gehen und auch mein Zimmer nicht aufräumen, oder den Abwasch nicht machen und auch nicht einkaufen gehen und auch nicht in den Schulhort gehen und auch nicht jeden Tag zur Schule und auch nicht zu den Jungpionieren oder in die Mathe AG.

Wenn man was nicht will, habe ich mir selbst beigebracht, dann muss man das nicht tun, dann kommt man damit durch.

Ich habe also gebrüllt und mich im Dreck gewälzt. Bis sie verächtlich abgewunken haben und dann musste ich nicht. Verächtlich waren sie, weil mir meine Würde bei dem Geheule und Geschrei egal war. Dann hielten sie mich eben für behindert, oder durchgeknallt. Wenn man beim Bund auf mentale Gestörtheit plädiert, wenn man totalverweigern will, ist es einem ja auch wurscht, was die von einem denken.

Irgendwann hat man dann also verächtlich abgewunken und ich war dann immer unendlich erleichtert und sofort happy. Tränen sofort trocken, Augen sofort nicht mehr rot. Die anderen haben mich beobachtet, ob ichs nicht bereue, aber ich habs nicht bereut.

Die anderen waren von mir enttäuscht, aber ich war stolz auf mich.

Ja, man kommt durch, ohne Mutproben, ohne frühes Aufstehen und ohne Zähne zusammenbeißen, ohne harte Arbeit, ohne hilfsbereit sein, ohne Fleiß, ohne guten Willen und ohne Abitur.

Ist ja auch nicht so, dass man respektiert wird, wenn man doch mal was gemacht hat, was man nicht wollte. Wenn man die bekloppte Aufgabe erfüllt hat. Wenn man sich hat überreden lassen.

“Siehste!” sagen sie danach. “So schlimm war es doch gar nicht!” und streichen einem über den Kopf. “Hast das ganze Theater umsonst gemacht!”

Doppelte Demütigung. Erst hat man sich breittreten lassen, hat ihnen den Sieg überlassen, sich den Willen brechen lassen und danach treten sie noch nach. Weisen einen darauf hin, wie man sich vorher schreiend im Dreck gewühlt hat. Dann soll man so lächeln und stumm nicken und versprechen, dass man beim nächsten Mal nicht so ein Trara macht.

Dabei will man denen nur die dreckige Hand abhacken, oder sich selber den Kopf, weil die einen da mit ihrer dreckigen Pfote berührt haben.

Natürlich war es gar nicht so schlimm! Aber es war auch nicht geil. Es war einfach nur das tun, was jemand anders wollte, obwohl man es selber nicht wollte.

Es war nicht schlimm, es war einfach nur Unterwerfung und gebrochener Wille.

Ja. So war das früher.

Mittlerweile steh ich drauf.

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