Mein Kampf

Ich versuche runterzukommen. Ich bin schon wieder zu aggro. Allein der Weg hier rauf, in die 19. Etage des Axel- Springer- Hauses zur Verleihung des “Welt” Literaturpreises an Karl Ove Knausgård hat mich schon völlig erledigt. 

Zuerst Einladung vorzeigen, Bändchen geben lassen. Sicherheitsschleuse passieren.

Bitte legen Sie ihre Jacke in die Durchleuchtungsschale. Durch das Tor gehen wie Pechmarie. Ich war Goldmarie, bei mir hat nichts gepiepst. Sogar meine Colaflasche durfte ich mit reinnehmen.

Hostess: “Darf ich Sie zum Fahrstuhl begleiten.”

Ich: “Wenn Sie das möchten, sehr gerne.”

Sie: “Ja, das mache ich wirklich sehr gerne.”

Ich: “Haha.”

Schwitziges Gefühl, ich kann mir knapp verkneifen, ihr auf den Hintern zu klopfen. Tja, wer benähme sich in der Gegenwart von Hostessen nicht wie ein 60jähriger Schmerbauchträger? Das gehört zusammen, wie Yin und Yang.

Im Fahrstuhl schon wieder eine. “Herzlich willkommen.” Alles Frauen, warum gibt es nicht auch mal männliche Hostessen? Aber was rege ich mich auf.

Ist doch egal.

Aus dem Fahrstuhl raus. Der Literaturchef steht da: Guten Abend und holt euch einen Drink und einen schönen Abend.

Überall alte Säcke und Säckinnen und Anzüge und Parfüm. Ich überlege, Fotos zu machen, aber was könnten die schon abbilden?

Kaum hat man den Drink in der Hand, kommt der nächste Geist: “Bitte gehen Sie schon mal da rüber, wir wollen pünktlich anfangen.”

Wir tun was er sagt und bekommen gute Plätze in der dritten Reihe, hinter den Sitzen, die für Graf und Gräfin von X reserviert sind. Das steht wirklich auf den A4 Blättern, die auf den Stühlen vor uns liegen.  Gräfin von …als ob Isabell X ohne Nennung des Adelstitels ihren Platz nicht finden würde. Schlampe.

Ich bin schon wieder so aggro.

Egal. Lass sie doch.

Ich kann Sibylle Berg von hinten sehen. Neben ihr sitzt Friede Springer. Fotografen machen Fotos. Berg und Springer posieren nebeneinander und lächeln in die Kameras. Mir ist seltsam zumute. Ist die Berg nicht irgendwie links? Ist die Springer nicht irgendwie rechts? Milch küsst Schokolade, Berg küsst Springer und was hat das zu bedeuten? Hat das irgendwas zu bedeuten, dass die jetzt so einträchtig nebeneinander in die Kameras lächeln?

Ist doch egal.

Warum sollten die sich denn nicht zusammen lächelnd fotografieren lassen? Sollen die sich etwa die Köpfe einschlagen?

Alle haben Platz genommen. Das Programm beginnt. Musik. Ich versuche runterzukommen. Ich bin schon wieder so aggro. Das ist doch unreif. Die sind doch alle nett hier, die haben mir doch gar nichts getan. Der Literaturchef hält eine Rede. Endlich weiß ich, wie man Knoosgart ausspricht.

Aggro non stop. Ich versuche runterzukommen. Ich fange an, mir Notizen zu machen, um die Wut in den Griff zu kriegen. Ich bin nicht wie meine Mutter oder mein Onkel, die wahlweise Torten oder Aschenbecher warfen, wenn diese gewisse Aggression in ihnen aufstieg. So ein Abend muss mit erhobenem Kopf und offenen Augen durchgestanden werden. 

Dann kommt ein Einspielerfilm über Knausgård. Der extrem attraktive Mann mit den intensiven blauen Augen und den sexy grauen Haarsträhnen, die ihm in die Stirn fallen, steht rauchend auf einer Brücke. Seine Hand in Großaufnahme, wie er die Asche abstreift. Dann wieder Interviewfetzen. Er wirft die Stirn in Falten und lässt seine Augen blicken. Er trägt einen knapp sitzenden Anzug auf dem schlanken Körper und trägt ein Hemd im gleichen Farbton. Etwas mehr Kontrast wäre gut, aber der mangelnde Kontrast schadet auch nicht.

Ist doch egal.

Knausgård sieht gut aus. Warum lässt er sich so filmen, frage ich mich. Warum macht er das mit? Merkt er nicht, wie abgeschmackt es ist, sich so porträtieren zu lassen? Ist er wirklich so eitel? Oder ist ihm auch alles egal, wie der Berg und der Springer und mir?

Dann kommt ein Schauspieler und liest aus “Träumen” vor. Eine Eifersuchtsgeschichte. Gar nicht mal schlecht. Ein bißchen langatmig. Erst irgendwas mit Großeltern und dann mit einem Bruder, der ihm die Frau weggeschnappt hat. Ich merke mir nur den Satz: Yngve ist jetzt mit Yngve zusammen.

Sybille Berg betritt die Bühne. Sie gendert ihre Rede, spricht von Leser_innen, Autor_innen und Verleger_innen. Lässt immer eine kleine Pause für den Unterstrich. Das wird einigen im Raum hier nicht passen, ich bilde mir ein zu spüren, wie manche sich erschrecken, den Atem anhalten, aggro werden. Fahne hochgehalten, Provokation gelungen. Die Berg hat sich doch noch nicht völlig aufgegeben.

Das Cover des Knausgård Buchs wird hinter ihr an die Wand projiziert. Der Kopf des Literaturressortchefs verdeckt das T und statt TRÄUMEN steht da nun: RÄUMEN.

So müsste das Buch heißen, wenn ich es geschrieben hätte. 1400 Seiten über Räumen. Aufräumen. Das ist doch die eigentliche Lebensbeschäftigung einer mitteleuropäischen Mutti. Das könnte man doch auch mal minutiös erfassen, Staubkörnchen für Staubkörnchen.

Der Literaturchef bewegt den Kopf und dann steht da nur noch MEN. Auch ein guter Buchtitel. Sybille Berg sagt in ihrer Rede, Literatur müsse ein Wagnis sein und nicht Mainstream oder Krimi.

Dann betritt Karl Ove Knausgård selbst die Bühne. Ich bin sofort geblendet.

“Knausgård is incredible attractive” schreibe ich auf meinen Notizblock und zeichne einen Kreis drumherum. Plötzlich riecht es hier ganz anders und ich spüre körperlich, wieviel Meter er von mir entfernt ist. (5,57)

Knausgård hält eine gute und lange Rede, bekommt den Preis, eine gläserne Stele und lässt sich danach geduldig fotografieren. Allein mit Stele, mit Berg, mit Springer, mit Döpfner, mit allen zusammen. Er tut alles, was von ihm verlangt wird.

Vielleicht steckt da eine Philosophie dahinter, sich nichts anmerken zu lassen, alles im Inneren stattfinden zu lassen, sich nicht zu wehren, einfach eine Marionette zu sein, ohne das geringste Anzeichen von Irritation, aber auch ohne das geringste Anzeichen von Abgebrühtheit.

Er ist einfach da und fügt sich ein. Ich werde versuchen, mir das zu merken und anzuwenden, wenn es mal nötig sein sollte.

Danach gibt es ein super Buffet mit Fisch und Wildkräutersalat, und Wein mit Herkunft.

knausgard

Die BZ von morgen, mit der Schlagzeile “Razzia bei Bushido”, liegt vor der bürgerlichen Bücherregalattrappe aus.

Martenstein steht da rum und Mattussek und Henryk M. Broder und ich grusle mich ein bisschen und zeige die meiner Freundin, die von denen noch nie was gehört hat und ich habe Angst, dass als nächstes Thilo Sarrazin hier auftaucht und hole mir noch ein bisschen Tiramisu.

Als wir gehen, bekommen wir “Träumen” und die Welt von morgen in einer riesigen Tüte, wo ganz groß “Die Welt” und “Welt am Sonntag” draufsteht. Wir freuen uns über das Buch und genieren uns für die Welt-Tüten auf der Rückfahrt, in der U2. Aber es sind sowieso nur Touristen unterwegs und  es ist doch

EGAL.

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Published on: November 7, 2015

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