Lutz

Als sie im Morgengrauen erwachte, lag sie nicht allein im Bett wie sonst jeden Morgen. Karl war ein Frühaufsteher und um diese Zeit meistens schon in der Küche. Danielle fiel das Aufstehen schwer, und sie schaffte es selten vor zehn ins Atelier. Er lag mit dem Rücken zu ihr und atmete tief und gleichmäßig. Danielle machte sich Sorgen. War er krank? Sie beugte sich über ihn und erschrak. Das war nicht Karl. Dort lag Lutz- ihr erster Freund. Sie waren ein halbes Jahr zusammen gewesen, da war sie 16 und er 15einhalb. Sie betrachtete den Mann. Lutz hatte sich wenig verändert. Sein Gesicht war schmaler als damals und sein dunkelblondes Haar war von grauen Strähnen durchzogen, aber es war immer noch er. Gutaussehend und drahtig, ein voller Mund, eine weiche Nase, die Augenlider gewölbt, schmale Brauen. Lutz erwachte. Er sah sie an, lächelte, umschlang sie und schob ihr das Nachthemd hoch.

Als sie seinen Schwanz berührte, erinnerte sie sich an die leichte Biegung nach links. Damals hatte Lutz sich dafür geniert, nun nicht mehr. Sie merkte es an der Entschlossenheit, mit der er in ihren Mund drängte. Sein Schwanz war ihr vertraut, obwohl sie ihn damals nur wenige Male berührt hatte. Vielleicht, weil es der erste Schwanz ihres Lebens war. Als er in sie eindrang, entschied Danielle, dass dies einfach ein sehr klarer erotischer Traum sei. Sie schlief das erste Mal mit Lutz. Sie erwartete jeden Moment zu erwachen, aber sie erwachte nicht. Sie war wach. Danach schlief er wieder ein. Danielle kam der absurde Gedanke, dass sie vielleicht ein Teil von Lutz’ Traum war und nicht umgekehrt. Sie ging die Küche. Von Karl keine Spur. Auch seine Siebträger- Espressomaschine fehlte. Die Küche war aufgeräumt. In der Spüle kein Geschirr. Der Tisch abgewischt. Keine Krümel. Lutz schien größeren Wert auf Ordnung zu legen, als Karl und sie es taten. Danielle hoffte, sie könne sich dem anpassen.

Sie duschte, wusch sich die Haare und rasierte sich die Beine. Danach stellte sie Duschgel und Rasierer wieder in das kleine weiße Schränkchen zurück. Sie hatte es noch nie zuvor gesehen. Karl und sie stellten normalerweise alles immer auf der Ablage über dem Waschbecken ab. Doch die Ablage war leer und glänzte staubfrei und glatt und neben dem Spiegel hing dieses kleine weiße Schränkchen. Sie föhnte sich die Haare. Sie hatte sich seit Jahren die Haare nicht mehr geföhnt. Sie schlich ins Schlafzimmer zurück. Lutz schlief immer noch. Sie öffnete den Kleiderschrank. Statt dem üblichen Geknülle von Karls Hemden, Hosen und Unterhosen befanden sich dort nun akkurate Stapel von Jeans, T- Shirts und Pullovern. Sie befühlte die Stoffe. Edel und weich. Gekämmte Baumwolle, Kashmir. Lutz hatte sich immer gut gekleidet. Instinktiv begann Danielle ihre Seite des Schrankes zu ordnen, gab es dann aber auf. Das würde sie jetzt sowieso nicht schaffen. Sie überlegte lange, was sie heute anziehen sollte. Karl mochte es, wenn sie sich elegant und weiblich kleidete, Blusen, Röcke, Kleider. Früher hatte sie immer Jeans, Turnschuhe und ein enges T-Shirt angezogen, wenn sie sich mit Lutz traf. Er war so ein Skater Typ gewesen und sie wollte sein Skater Girl sein. Sie zog also ihre einzige Jeans und ein enges schwarzes T- Shirt an und band sich die Haare zum Zopf. Sie ging in die Küche, kochte sich Tee, blätterte nervös in einer alten Zeitung und wartete auf Lutz.

Und dann war er da. Stand im Türrahmen, in Boxershorts und sonst nichts. Er war schlank und muskulös wie damals, vielleicht etwas zu schlank. Schmal war er geworden und im Gesicht hatte er etwas Abgekämpftes, Müdes. Sein Anblick löste eine angenehme Mischung aus Angezogensein und Mitleid in ihr aus. Bevor sie ihm anbieten konnte, ihm ein Rührei zu machen, oder Pfannkuchen zu braten, hatte er schon den Kühlschrank geöffnet, Milch herausgenommen und eine Familienpackung Cornflakes aus dem Regal geholt. Danielle war überrascht. Karl und sie kauften nie Cornflakes, sie aßen sowas nicht, höchstens alle paar Wochen mal Müsli. Lutz schüttete die Cornflakes in eine große weiße Schale, verteilte großzügig Zucker darüber und setzte sich seufzend ihr gegenüber an den Küchentisch. Er gähnte, zog ihr die Zeitung weg, nahm sich den Politikteil und gab ihr den Rest zurück. Danielle betrachtete ihn, wie er las und sich dabei Cornflakes in den Mund schaufelte. Milch tropfte ihm übers Kinn, er wischte sie beiläufig mit dem Handrücken ab, gähnte wieder, blätterte um, schüttete sich noch mehr Milch, Zucker und Cornflakes in die Schüssel, bemerkte ihren Blick, fragte was los sei und als sie “Nichts.“ sagte, aß und las er schweigend weiter. Dann spülte er Löffel und Schüssel ab, stellte Milch, Zucker und Cornflakes an ihre Plätze zurück und ging hinaus. Danielle hörte das Rauschen der Dusche und wenig später stand Lutz wieder in der Küchentür. Er trug nun Jeans, die unnachahmlich gut saßen, nicht zu locker und nicht zu eng und einen dunkelblauen Pulli.

“Bis später.”

“Wohin gehst du?”

“Na Arbeiten.”

Fast hätte sie gefragt, “Was denn arbeiten?”, aber Lutz schien davon auszugehen, dass sie das wüsste und sie wollte nicht, dass er sie seltsam fand. Aber eins wollte sie trotzdem unbedingt wissen:

“Wann kommst du wieder?”

“Wie immer, halb sieben wahrscheinlich.”

“Ok, dann bis dann.”

Sie nutzte den Abschied um sich an ihn zu drücken. Es war angenehm, in seinen Armen zu sein und sein Pullover war sehr sehr weich.

Sie ging ins Atelier, wie sonst auch jeden Tag. Bis zum Mittag malte sie, bzw. versuchte es, sie versuchte sogar, Lutz zu zeichnen, aber es gelang ihr nicht, sie konnte nur Einzelteile vor sich sehen, den Mund, die Augen, die Nase, aber sie ließen sich zu keinem Gesicht zusammenfügen. Mittags war sie mit Katja verabredet, welche sich beiläufig nach Lutz erkundigte, also war es wahr, es gab keinen Karl mehr. Am Nachmittag fühlte sich ihr neues Leben fast normal an. Sie dachte darüber nach, was Lutz wohl essen wollte, ob er vielleicht sogar kochen könnte, so wie Karl, aber sie konnte es sich nicht vorstellen. Lutz und sie hatten in ihrer gemeinsamen Zeit nie zusammen gegessen. Sie hatten sich manchmal nach der Schule getroffen, um sich in Lutz` Bett zu legen und sich stumm überall zu streicheln. Danach ging sie, weil seine Freunde kamen. Lutz hatte viele Freunde und eine überforderte Mutter, so dass sich alle immer bei ihm trafen. Es wurde im Laufe der Zeit immer schwieriger, mit Lutz allein zu sein, meistens saßen sie zu zehnt in seinem Zimmer, kifften und schauten MTV und Lutz wurde unerreichbar für Danielle, obwohl er mit ihr auf einem Bett saß. Deswegen ging die Sache auch auseinander.

Aber nun waren sie erwachsen und Lutz lebte mit ihr und sie entschied, ganz einfach Spaghetti Bolognese zu kochen, nach dem genialen Rezept von Thomas, Karls Vorgänger. Sie hätte auch gern Salat gemacht, konnte sich Lutz aber nicht Salat essend vorstellen. Sie ging früher als sonst aus dem Atelier, um einzukaufen und zu kochen. Seltsam, bei Karl hatte sie dieses Bedürfnis selten, meistens rührte er für sie beide abends um neun irgendwas aus Gemüse, Knoblauch, Tomatenmark und Reis zusammen. Lutz erschien auf die Minute pünktlich um halb sieben und aß hungrig seine Spaghetti. Er war nicht überrascht, dass sie gekocht hatte, oder das alles schon fertig auf dem Tisch stand, als er kam. Er schien es genau so erwartet zu haben und sie stellte sich darauf ein, nun täglich für ihn zu kochen. Das bedeutete, dass sie nun jeden Tag früher ins Atelier würde gehen müssen.

Zum Essen tranken sie Rotwein und endlich gelang es ihr, sich etwas zu entspannen. “Wie wars auf Arbeit?” fragte sie und er antwortete: “Schlimm, wie immer, das sind alle solche Idioten dort, außer der netten Schwedin.” Bei der “netten Schwedin” wurde es Danielle flau im Magen, sie spürte ganz deutlich Eifersucht. Lutz  würde sich keiner Frau wiedersetzen, die ihn haben wollte und Danielle konnte nichts dagegen tun. Die Schwedin sei sein einziger Lichtblick dort, klagte Lutz. Er arbeitete im Kundenservice eines Stromanbieters, wie Danielle im Laufe des Gesprächs herausfand und er hatte den ganzen Tag nur mit Beschwerden zu tun. Rechnungen, Stromzählerstande, Umzüge, Abmeldungen etc. es war grausam. Danielle überlegte, ob sie ihm etwas raten könne, sie wusste, Lutz hatte doch studiert UND eine Ausbildung gemacht. Warum ließ er sich in so einem Job verheizen und schöpfte sein Potential nicht aus? Nach dem Essen räumte sie die Küche auf, das machten sie und Karl nie, sie ließen alles stehen, bis es einer von beiden nicht mehr aushielt und sich einen Ruck gab. Nun aber brachte sie alles in den Urzustand zurück, schrubbte die Pfanne, füllte die Bolognese in ein Schälchen um, deckte Frischhaltefolie darüber und schob es in den Kühlschrank, ebenso wie die restlichen Nudeln. Sie wusch Nudeltopf, Pfanne und Teller, spülte die Wassergläser aus und wischte den Tisch ab. Lutz lag im Wohnzimmer auf dem Sofa und hatte irgendeine Krimiserie eingeschaltet.

Als sie in der Küche fertig war, setzte sie sich neben ihn. Mit Karl sah sie nie fern, sie verbrachten die Abende im Internet, jeder vor seinem Computer, Karl in der Küche, sie im Wohnzimmer. Krimis bedeuteten ihr nichts, ja sie machten ihr immer noch Angst, aber sie wollte in Lutz’  Nähe sein. Lutz schaute konzentriert fern, streichelte geistesabwesend ihr Knie und legte sich nach einer Weile mit dem Kopf in ihren Schoß, aber sie fühlte, er tat es aus Bequemlichkeit und nicht, um irgendeine spezielle Zärtlichkeit damit zum Ausdruck zu bringen. Als sie ihn etwas fragte, weil sie eine Wendung im Krimi nicht verstanden hatte, bemerkte sie, dass er eingeschlafen war. Sie stand auf und legte ihm statt sich selbst, ein Kissen unter den Kopf. Sie putzte sich die Zähne und schaute nach Lutz. Er lag zusammengerollt auf der Seite und schlief. Ich sollte Schluss machen, dachte sie. Sie berührte Lutz sanft an der Schulter.

“Komm ins Bett.”

“Ok.”

Wenig später lag er neben ihr und sie hielt seinen vertrauten Schwanz in der Hand.  Als sie einschlief, dachte sie, dass sie vielleicht lernen könne, sich damit zu arrangieren, dass Lutz nicht mehr vom Leben wollte, als einen miesen Job, eine Freundin und eine nette schwedische Arbeitskollegin. Am nächsten Morgen lag sie wieder allein im Bett. Aus der Küche kam Lärm. Sie erkannte das Geräusch. Karl mahlte seinen Morgenkaffee. Er war wieder da. Beruhigt drehte sie sich auf die Seite und schlief wieder ein.

 

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Published on: Juni 14, 2015

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