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Abendlied

 

Ist das so.

Dass es damals besser war.

Berlin in den 90ern.

Die Leere.

Als die alle noch Lichtdesign in San Francisco studierten.

Und es hier nichts gab.

Außer dem einsam bellenden Rottweiler in der Hinterhofwohnung

unter meiner Hinterhofwohnung.

Ich wollte ihn vergiften.

Aber dann wurde ich geheiratet.

Und die Wohnung mit Ofenheizung

vermachte ich dem Feuilletonredakteur,

der damals noch zum Film wollte.

Das Haus steht noch.

Aber die Wohnung?

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Stattdessen.

Fußbodenheizung, vier Gästebäder,

goldene Gardinen statt eisernem Vorhang.

Und nachts wenn es still ist,

kann mans immer noch hören.

Das Rauschen.

Echo des Mauerfalls.

 

Damals habe ich diese Surfmusik gehört. Aus den Tarantino Soundtracks und dem von Full Metal Jacket. Und überhaupt. Deltones und Beach Boys. Der Sommer war heiß, die Wohnung klein. Ein Raum / Hinterhof/Duschkabine/ Außenklo/ Ofenheizung. Surfmusik und Easy Listening und Trainingshosen und geschmolzene Plastikpuppenköpfe an den Wänden der Bars. Keiner wusste, was das sollte. Es führte zu nichts und es hat aufgehört. Es war Trash, es waren die 90er, es waren die Reste einer untergegangenen Gesellschaft, die irgendwie neu verklebt wurden und Ampelmännchen wurden Kult und orange und Prilblumen und muffige Keller.

Ich habs ganz gern gehört, Beachboys wie gesagt und Tarantino Soundtracks, und alle haben plötzlich in der Werbung gearbeitet oder wollten es und ich wollte auch, hab aber aus Ekel nix zustande gebracht. Dann haben alle Grafikdesign studiert und kamen nach Berlin und wir haben uns Ecstacys als ganze Pille reingeknallt und es gab Parties in Wohnungen auf der Oranienburger und Ansätze zu Gruppensex und keiner wusste so recht, was das alles sollte.

Dann wurde Mitte kommerziell und auf einmal sollte man Eintritt zahlen und es gab Türsteher und es wurde teuer. Auf einmal gehörte man nicht mehr dazu. Da waren auf einmal Wiener und Nürnberger und Hamburger und Münchener und die waren besser gekleidet und ein bisschen älter oder ein bisschen jünger und die schrieben auf einmal für Pro Sieben oder wohnten bei Wim Wenders und die waren fixer und wussten von den besseren Parties und da blieb ich dann zu Hause und saß im Winter in der Küche vor dem offenen Gasherd wegen der Wärme und spielte Solitaire und kiffte und machte mein Ding und sagte mir, dass ich mit dem ganzen Mitte Scheiß nichts mehr zu tun haben wollte. Manchmal bin ich dann doch hingegangen, aber es funktionierte nicht. Es gab Aggressionen und strange Begegnungen und dann haben wir uns eingeschlichen und das Buffet zerstört. Den Käse in den Pudding geschmissen, die Häppchen in die Bowle, den Rosé in den Tomatensalat gekippt.

Manche kamen ganz gut klar, hatten auf einmal neue Freunde, das waren Verräter, mit denen habe ich nicht mehr geredet. Die haben dann auf einmal in WGs zusammen gewohnt und Rotwein auf dem Balkon getrunken bei Kerzenschein und sich gegenseitig die neue Coldplay vorgespielt, das ging alles nicht mehr.

Berlin war scheiße geworden. Und dann haben die restlichen Freunde auch mitgemacht und waren auf einmal DJs und hatten schicke Möbel und auch neue Freunde und alle haben auf einmal gut gegessen und ich war dann auch zum Essen eingeladen und habe dann auch Leute bekocht mit Hühnerteilen in Kokossauce und dann gings irgendwie wieder und Bötchen fahren auf dem Müggelsee und danach zum Italiener, das ging alles und sich ein neues Bett kaufen und Jungs mitnehmen und einen Anrufbeantworter haben und Taramas essen und sich nichts mehr bieten lassen und nachts Sexfilme auf pulsTV gucken.

Und mein Exlover hatte dann einen Kenzo Pulli an, den hatten sie auf einer Modenschau in den Hackeschen Höfen geklaut, sich ins Backstage geschlichen und die Klamotten aus dem Fenster geworfen und ich hatte drei Polaroid Kameras, denn die lagen in einem Hausflur auf der Rosenthaler und SIE hatte sich im Tacheles eine Motorsäge gezockt und ab da haben wir alles mitgenommen was ging. Löffel und Zuckerstreuer und Salzstreuer und Pfefferstreuer, Gläser, Teller, Messer, Gabel, noch mehr Löffel, Aschenbecher, Klopapier und Stühle und Tische und Schnapsflaschen mit einem Griff über die Bar geraubt und alle haben ständig Geld gefunden. 100 Mark, 50 Mark, 20 Mark, 10 Mark, 50 Pfennig.

Dann im Supermarkt Käse an der Feinkosttheke bestellt, abschneiden und abwiegen lassen und dann rein damit in die große Sporttasche und ab nach Hause.

CDs im WOM klauen und Zeitschriften im Café, frühstücken gehen und dann Zeche prellen, essen gehen und Zeche prellen, im Tresorgarten übern Zaun klettern, überhaupt überall übern Zaun klettern. Sowieso immer nur Hintereingänge benutzen. Alles ausräumen. Sich in fremde Wohnungsparties einschleichen. Einfach klingeln und sagen man kommt von Daniel. Immer gibts überall einen Daniel. Jungs küssen und dann stehen lassen. Sich verabreden und dann nicht hingehen. Vögeln und dann abhauen. Nie irgendwas bezahlen. Den Leuten die Drinks klauen, die Reste trinken und dann die Gläser abgeben und Pfand kassieren.

Türen aufbrechen, Gerüste raufklettern, auf einem wackligen Steg über die eiskalte Spree balancieren, stockbesoffen, nacht um drei, knapp über null Grad. Auf Dächer krabbeln, sich nackt ausziehen, brüllen, kotzen, einschlafen. Von der Morgensonne geweckt werden, im Dachpappenteergeruch schwelgen. Trips fressen, überall rein, überall rauf, überall runter. Opium rauchen. Billardkugeln klauen. Lampen in der S- Bahn abschrauben. Baulampen abschrauben. In der S- Bahn rauchen. Opium in der S- Bahn rauchen. Zigarettenautomaten knacken. In Hausflure pinkeln. In Rohbauten ficken. In Tiefgaragen randalieren. Haferflocken mit heißem Wasser und Brühwürfel essen. Nicht mehr zur Arbeit gehen. Nicht mehr zur Uni gehen. Die Miete nicht mehr bezahlen. Sich fragen, obs die RAF noch gibt und ob man da mitmachen könnte. Beach Boys hören.

 

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