Kaltes Eis

(erschienen in der BERLINER ZEITUNG am 13.9.2019)

Der Abend ist warm, die Schlange vor der Eisdiele ist lang. Dann habe ich es geschafft. Die Kinder und ich halten das Eis unserer Wahl in den Händen. Aber wohin jetzt? Wir haben Glück, auf einer Bank direkt vor dem Laden sitzen zwei junge Frauen und unterhalten sich, aber neben ihnen ist noch frei. Ich dirigiere die Kinder schnell dorthin, aber für mich ist kein Platz mehr. Also bleibe ich vor der Bank stehen. Als verantwortungsvolle Erziehungsberechtigte muss ich ja in der Nähe der Kinder bleiben. Falls die Kinder kleckern, falls sie mir was erzählen wollen. Beim Eis essen kann ja so viel schief gehen. 

Ich bin müde, wegen des langen Tages und jetzt beim Eisessen merke ich plötzlich, wie müde ich bin. Ich würde jetzt auch ganz gern sitzen. Aber das wird ja bestimmt auch gleich passieren, weil die beiden quatschenden Mädels auf der Bank nämlich merken werden, dass da eine müde Mama darauf wartet, dass sie gehen, weil sie nämlich fertig mit Eis essen sind und nur noch reden und dabei die leeren Eispappbecher mit dem Löffelchen drin knautschen. Kann ja wirklich nicht mehr lange dauern, denke ich, dass die dämlichen Hühner das schnallen. Ich schlecke am Salzkaramelleis und am Blaubeer- Baiser- Eis und denke: “Ach ist das lecker und wie schön wäre es, wenn ich jetzt mal kurz sitzen könnte, aber die blöden Ziegen werden ja sicherlich gleich abdampfen und woanders weitertratschen, weil das ja die Bank vorm Eisladen ist und ja 1000 Leute und ich hier jetzt gern sitzen würden, um in Ruhe Eis zu essen. “ Aber sie verduften nicht. Sie tuns einfach nicht! Sie schwadronieren herum und bleiben auf ihren fetten Hintern sitzen. Auf der Bank vorm Eisladen!

Da kann man leider gar nichts machen. Der Eisladen ist privat, die Bank ist öffentlich. Theoretisch könnte sich jeder dort festsetzen, also jeder komplett schmerzbefreite Soziopath könnte sich stundenlang dort breitmachen. Auch wenn ich die beiden Hexen gerne höflichst wegbitten, wegschieben, wegschubsen und ermorden würde. Ich bräuchte dazu nicht mal meine Hände. Ich könnte die mit den Augen töten. Wenn diese primitiven Schnepfen mal hochgucken würden. Das Karamelleis könnte so lecker sein, aber jetzt schmeckt es bitter, so wütend bin ich. Das Eis ist kalt, aber in mir brennt die Wut. Jetzt wollen auch noch die Kinder irgendwas von mir. Aber ich kann jetzt nicht. Ich habe keine Hand frei und schlechte Laune. “Jetzt nicht.” zische ich und setze mich kurzentschlossen ein paar Meter weiter weg auf eine Ladentreppe. Die Kinder helfen sich gegenseitig. Als die ignoranten Damen sich irgendwann entfernen, bekomme ich es gar nicht mit. Ich esse mein Eis und bin glücklich.

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