Im Theater gewesen. Geweint.

Theaterfestival in Avignon. Wir gehen hin. „Karamazov“ in dieser herrlichen französischen Schreibweise. Ich habe schon im Deutschlandfunk davon gehört. Der Spielort ist in einem ehemaligen Steinbruch. Er soll irrsinnig schön sein. Ich bestelle Karten im Internet. Da gehts dann schon mal los. Man kann die Karten nicht ausdrucken, soll aber die Bestätigungsemail ausdrucken und damit und dem Pass in Avignon zur Kartenabholstelle gehen und sie abholen, bis spätestens drei Stunden vor Vorstellungsbeginn. Oder man holt sie direkt am Spielort ab, muss dann aber 45 Minuten vorher dort sein. Das bringt uns in gewisse logistische Schwierigkeiten. Nach eingehender strategischer Besprechung fährt mein Mann nach Avignon, um die Karten zu holen. Er bekommt sie, obwohl er keinen Brief von mir vorweisen kann,dass er die Karten abholen darf. Ich versuche mir ein Szenario auszudenken, wo ein Mann seine Frau ermordet, dann mit ihrer Kreditkarte Theaterkarten bestellt und mit ihrem blutbeschmierten Pass, Karten für einen fünfstündigen Theaterabend abholt.

Am Abend parken wir auf dem Parkplatz und begeben uns mit einem erfrischend sommerlich wohlfrisiertem Publikum zur Spielstätte. Weißhaarige Menschen mit Topfschnitt, Hornbrillen und leichten Schals und junge schlanke lässige ausnahmslos schöne Wesen, schlendern den steinigen Weg durch den Pinienwald entlang. Zur Rechten findet der Sonnenuntergang statt. An der Sperre wird meine Tasche durchsucht und ich muss meine Coladose und das Mückenspray in einen schwarzen Eimer werfen. Für ca. 500 Menschen gibt es fünf Dixieklos. Rauchen darf man wegen der Waldbrandgefahr nur vor den Restaurationszelten. Wir kaufen uns Weißwein und Perrier und trinken ein paar Schluck, der Gestank der Dixieklos umwabert den Vorplatz und verleiht dem Hochkulturevent eine punkige Note. Dann erklettern wir die Tribüne und nehmen auf den blauen Plastikstühlen Platz.

plastikstühle

plastikstühle

Sie stehen dicht, so dicht, dass man die Knie des Hintermanns im Rücken hat und den Po des Nachbarn auf dem Schoß. Die Steilwand des Steinbruchs könnte die Rückwand der Bühne bilden, aber die Bühne ist davor gebaut. Dann betritt ein Mann in Frauenkleidern die Bühne, reißt ein paar Witze und dann geht es los. Fünf Stunden hysterisches Geschrei, Deklamieren am Bühnenrand, Frauen die sich zu Boden werfen, lange Monologe, gefolgt von langen Monologen. Wenn ein Schauspieler spricht, stehen die anderen und warten, bis sie dran sind. Zwischendurch sehr hübsche Musik. Ich fühle mich in die 50er Jahre zurückversetzt und verstehe, warum sie damals das absurde Theater erfunden haben. Ich überlege, ob die Schauspieler gut sind. Sie sind gut. Sie können gut sprechen und sich gut Texte merken. Das ist schon mal ein Anfang. Aber Theater, ist das nicht auch Interaktion, ist das nicht auch Szene, ist das nicht auch Handlung und nicht nur Sprechen über die Handlung? Ich freue mich die ganze Zeit auf die Partyszene mit Gruschenka, aber sie kommt nicht. Ich freue mich die ganze Zeit auf den Mord, aber er kommt nicht. Sie reden und reden und reden. Um Mitternacht ist Pause.

Mein Mann sagt, dass ist die beste Theatergruppe der Welt und der beste Regisseur der Welt und alles ist fantastisch und er wird auf keinen Fall früher gehen. Da ich seine Gefühle respektiere, sage ich nichts Schlechtes mehr über das Stück, sondern lieber gar nichts mehr. Nach der Pause setze ich mich an den Rand und als das nächste Mal laute Musik kommt, gehe ich mit meiner Freundin auf den Vorplatz. Man kann nur gehen, wenn es laut ist, weil sonst die Schritte so laut auf dem Tribünengestell hallen. Leider schließen sie gerade die Bar und so bekommen wir keinen Weißwein mehr. Wir setzen uns mit einer Dose Studentenfutter an einen der Biertische und versuchen die Theaterkunst an sich in Schutz zu nehmen. Es gibt doch auch gutes Theater. Klar, wir sind von der Volksbühne versaut, wir können anderes Theater einfach nicht mehr ernst nehmen, das Pathetische, die Schreierei funktionieren nicht mehr. Schamgefühl. Wollen die uns wirklich weismachen, sie seien Aljoscha Karamasow und würden mit Gott und ihrem Glauben hadern? Und wer am lautesten schreit, hadert am meisten? Das funktioniert so nicht. Wir brauchen Brüche, Verfremdung und Video. Aber Zadek ist auch gut, Schroeter, Marthaler, Pollesch, sogar Thalheimer ist besser als dieser Abend hier. Da sie alles mit Mikrofon verstärken, dringen immer lautere, immer markerschütterndere Schreie zu uns. Sterbt endlich, will ich rufen. Mourir petit con! ça suffit! Aber es hört und hört nicht auf, wie eine lange, schmerzhafte Geburt. Immer wieder Musik, immer wieder Schreie. Wie in einem ZDF- Melodram. Wie eine lange schmerzhafte Geburt in einem ZDF- Melodram. Dann ist es vorbei. Frenetischer Beifall. Aber nur drei Minuten lang. Was hat das nun wieder zu bedeuten? Am Ausgang sammeln sich alle um die schwarzen Mülleimer, um ihre Mückensprays wieder einzusammeln. Keiner findet nichts, man beleuchtet sich gegenseitig mit den Handytaschenlampen. Irgendeine Flüssigkeit ist im Eimer ausgelaufen, benutzte Taschentücher liegen zwischen den Deos und konfiszierten Wasserflaschen. Alle wühlen und wühlen und dann schüttet mein Mann unter dem Beifall der anderen, einfach den ganzen Mülleimer aus. Ich finde mein Spray und meine Freundin ihre Tube Sonnencreme, tropfnass von irgendeiner Flüssigkeit, wir waschen die Behältnisse im Klocontainer ab und gehen zum Parkplatz zurück. Sie hätten die beschlagnahmte Ware auf einen Tisch stellen sollen, das wäre besser gewesen.

Written by:

Published on: Juli 20, 2016

Filed Under: Text

Tags: , ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen