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Identity kills

Ich will mein Kind aus dem Kindergarten abholen und ich erkenne es nicht. Sie essen ihren Nachmittagssnack und sitzen auf kleinen Stühlchen um den niedrigen Holztisch herum. Alle so winzig klein und blond. Keine Ahnung welches davon meins ist. Ich scanne die Gesichter, aber ich bin so nervös und draußen war es kalt, hier drin ist es warm. Meine Pupillen sind beschlagen. Ich zwinkere, aber das bringt nichts.

Was hab ich ihr heute morgen angezogen? Ich habs vergessen. Ich hätte ihr was Rotes anziehen sollen und mir dann merken müssen, dass es was Rotes ist. Nächstes Mal mach ichs besser.

„Wo ist sie denn?“ frage ich. „Na da,“ sagt die Erzieherin. Wo? Da? Ja, das könnte sie sein. Klein, blond, ungefähr ein Jahr alt. Ich habe sie gar nicht schön angezogen heute. Gestreifter Fleece- Pulli und pinke Latzhose. Peinlich! Sonst ist sie süß, aber ich bin mir nicht sicher, ob das mein Kind ist.

”Ist sie das?” Die Erzieherin lacht. “Nein! Da ist sie!” Sie zeigt mir mein Baby. Ich bin etwas enttäuscht. So klein war sie heute morgen aber noch nicht. Aber sie ist es zweifellos. Sie ist gut angezogen. Die Latzhose erkenne ich wieder. Blasslila und aus Kaschmir- Seidengemisch. Haben wir am Kudamm gekauft, als ich noch schwanger war.

Ich selbst werde auch nicht erkannt. Dem Bäcker am Wasserturm muss ich jedes Mal von Neuem erklären, wie das Baby heisst. Das ist kein Junge. Nein, das ist ein Mädchenname. Ja französisch. Nein, nicht ich bin Französin, sondern mein Freund ist Franzose. Wir fahren nach Südfrankreich im Sommer. In die Provence. Provence. Ist im Süden. Mittelmeer. Jetzt sind wir zurück. Wo wir waren? In Südfrankreich. In der Provence. Provence. Nicht Atlantik. Mittelmeer. Ja, ich möchte den Kaffee mit Milch. Ich kaufe da nix mehr.

Aber was beschwere ich mich. Ich bin ja eigentlich gar nicht ich.

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