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Ich hasse Mützen

Lieber Daniel,

ich bin vor der Abfahrt noch zu dir gefahren, es war eigentlich ein Umweg, aber sehr früh am Morgen und noch wenig Verkehr, obwohl ich wusste, ich werde deswegen trotzdem später im Stau stehen und es hat gar nichts gebracht. Erst vor deinem Fenster zu stehen, mit laufendem Motor, dann einzuparken, Idiotie!, die Treppe hinauf und zu klingeln und zu klopfen. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis du aufgemacht hast. Verschlafen und in deinem abgewetzten blauen Morgenmantel. Wütend. So wie ich dann auch. Nein, du wolltest immer noch nicht mitkommen, sondern Weihnachten allein bleiben, wie du es mir auch schon vor einer Woche persönlich und auch vor drei Tagen und gestern Abend am Telefon gesagt hast. Ich habe mich dann zusammengerissen und erst im Auto geweint. Es ging mir besser, als ich auf der Autobahn war und der Himmel sich etwas aufhellte. Ich habe dann Radio gehört und mir an der Tankstelle Zigaretten gekauft, obwohl ich gar nicht mehr rauche.

Ich habe geraucht und mir verboten an dich zu denken.

Dann kam, wie gesagt, der Stau und gegen sechs war ich dann bei meinen Eltern. Mama stand in der Tür, Papa war noch unterwegs, Einkäufe machen. Mama hat mir Tee gekocht und ich habe Zwiebeln geschnitten fürs Abendessen und versucht, nicht an das Telefon zu denken, das hatte ich tief im Rucksack vergraben und ausgeschaltet, weil ich nicht auf eine Nachricht von dir warten wollte. Mama erzählte irgendwas von einem Kinofilm und ich hatte Kopfweh, aber nur leichtes und dann hielt ein Auto vor dem Haus. Es war mein Bruder, ich freute mich, aber das war dann gleich wieder vorbei, denn auf der anderen Seite stieg Elena aus, seine Freundin. Sie lachte wegen irgendetwas, sie hat so eine aufgesetzte Art. Zum Glück lag kein Schnee, sonst hätte sie bestimmt gleich einen Schneeball nach Leo geworfen.

“Hast du gewusst, dass er sie mitbringt?” fragte ich Mama, “Natürlich, du nicht?”

Mir fiel wieder ein, dass Leo mir das schon vor drei Wochen erzählt hatte, wir hatten deswegen gestritten, aber damals habe ich noch gedacht, du kommst mit und dann hätte ich auch Elena besser ertragen und später habe ich es verdrängt, dass Leo sie mitbringt und mich statt dessen auf ihn gefreut.

Später aßen wir zusammen, Kartoffelsalat und Bouletten. Elena aß nur Kartoffelsalat, also nur die Kartoffeln, die Zwiebeln und die Gurke und den Speck ließ sie liegen, sie ist Vegetarier und hat diverse Allergien. Dann erzählte sie, dass sie Mützen hassen würde, sie würde nie welche tragen, egal wie kalt es sei. Mama ging darauf ein, mit “Ach ja?” und “Wirklich?”. Ich glaube, Elena denkt, dass sie Mützen hasst, mache sie zu einer originellen und interessanten Person.

Ich bin nach dem Essen mit Leo raus in den Garten. Wir haben uns nebeneinander auf die alte Schaukel gequetscht und gekifft. Leo hat anständigerweise nicht nach dir gefragt. Ich hätte keine Lust gehabt, ihm zu erklären, dass du dich Weihnachten einschließen wolltest um in Ruhe deine Hausarbeit zu schreiben, die du schon längst hättest geschrieben haben können, wenn du besser geplant hättest. Elena half Papa in der Küche beim Einräumen der Spülmaschine. Schon wieder hörte man ihr Lachen bis hierher, wie hält Papa das nur aus, wie hält Leo das nur aus?

Leo und ich fingen gerade an, uns ein bißchen zu amüsieren, es war verdammt starkes Gras was er da hatte, er bringt immer so einen genmanipulierten Mist aus der Karlsruher Fußgängerzone an, wie jedes Jahr und wie jedes Jahr versprach ich mir selber, nächstes Jahr was Besseres aus Berlin mitzubringen. Da kam Elena zu uns, setzte sich bei Leo auf den Schoß, zog auch am Joint und fragte mich: “Kommt dein Freund noch?”

“Vielleicht.” sagte ich, das war das Einfachste.

Mir war auf einmal kalt, ich ging ins Haus, die Treppe rauf, mein Zimmer hatte Mama für Leo und Elena vorgesehen, weil es größer ist und mein Rucksack lag nun in Leos kleinerem Kinderzimmer. Mama hat dich auch nicht eingeplant, gar nicht erwartet, dass du mitkommst, doch noch, im letzten Moment. Mama ist nicht so dumm wie ich. Ich warf mich aufs Bett und natürlich hatte ich jetzt nicht mehr die Kraft zu widerstehen. Ich habe das Telefon aus dem Rucksack gekramt, es eingeschaltet und den Code eingegeben und mir sonst was ausgemalt, wieder besseren Wissens, habe sie schon ganz genau vor mir gesehen, deine SMS:

“Wie gehts dir, hoffe, du bist gut angekommen, wäre jetzt gern bei dir, ruf mal an, Küsse Daniel”.

Ich bin dann einfach eingeschlafen, ohne SMS von dir, dank Leos Gras. Am nächsten Tag bin ich mit Papa spazierengegangen, er hat mir die neue Siedlung gezeigt, auf dem Feld. Da haben wir früher im Herbst Drachen steigen lassen, jetzt stehen dort Häuser aus Rigips, dicht an dicht, mit seltsamen Leuten darin. Mit Papa kann ich lästern, du hättest die Lippen zusammengekniffen und gesagt, dass sei alles Soziologie und Gesellschaft, ja schlimm, aber meine Arroganz, die würde dich abstoßen. Ich hatte Sehnsucht nach deiner Strenge. Du hast nie verstanden, dass ich es mochte, wenn du mich zurechtgewiesen hast.

Als wir wieder zu Hause waren, habe ich herumgebrüllt, weil Mama uns eröffnet hat, dass wir dieses Jahr mal ohne Baum feiern würden. Wir seien doch alle schon erwachsen. Ich bestand auf einem Baum, du hättest das absurd gefunden, wir seien doch keine Christen und kleine Kinder gäbe es auch nicht, es wäre Geldverschwendung und nicht umweltfreundlich und lauter gute Argumente. Aber wenn du mitgekommen wärst, hätte ich sowieso keinen Baum gebraucht.

Papa ließ sich schließlich erweichen und fuhr mit mir noch auf den letzten Drücker in die Stadt. Auf dem Parkplatz vorm Lidl erwarben wir einen, den ich noch runtergehandelt habe, ohne uns wäre er sowieso im Schredder gelandet.

Zu Hause baute Leo den auf und danach legte er sich hin, er war gestern noch mit Elena in der “Krone” bis morgens um vier und sie haben mich nicht mitgenommen, ich habe ja einfach nur geschlafen. Wenn du dabei gewesen wärst, wären wir zusammen in die Krone gegangen und du hättest meine alten Freunde kennengelernt. Sie hätten dich nicht gemocht, mit deinem strengen Mund, schweigsam und konsequent deine Biere trinkend. Du hättest sie auch nicht gemocht, hättest dich vielleicht mit Leo in eine Diskussion geflüchtet, über Architektur oder Filmtheorie. Danach hättest du mich gefragt, ob das wirklich meine Freunde gewesen seien. Es hätte mich aber nicht gestört, weil ich mich für meine Freunde von früher auch nicht mehr interessiert hätte, wenn du mitgekommen wärst. Vielleicht wären wir auch gar nicht in die Krone gegangen, sondern ich hätte dich überredet, mit mir einen Nachtspaziergang oben im Wald zu machen, vielleicht wären wir Hand in Hand gegangen, ich mag deine warmen trockenen harten Hände.

Ich habe dann mit Elena zusammen den Baum geschmückt, das war eigentlich ganz ok.

Dekorieren kann sie ja.

Dann war Weihnachten, es gab Crepes mit Pilzfüllung, die hat Elena gemacht.

Mama hatte dieses Jahr nicht mal Lust zu kochen. Ich hätte beinahe wieder geschrien, warum sind wir denn überhaupt gekommen, wenn sie weder einen Baum aufstellen, noch für uns kochen wollen? Der Abend verlief gedämpft. Der Baum wirkte zu opulent neben den kümmerlichen Crepes. Geschenke gab es auch keine. Wir sind die einzige Familie, die sich wirklich nichts schenkt, wenn sie sagt: Keine Geschenke! Das hätte dir gefallen, Daniel, warum bist du nicht mitgekommen?

Leo und Elena waren unruhig, sie wollten schon wieder in die Krone. Wir räumten zusammen den Tisch ab. Mama wollte noch Spiele spielen, aber keiner hatte Lust, das hatte sie nun davon. Es war im Grunde ein ganz normaler Abend und es war zu kalt im Zimmer, weil Papa auf dem Energiespar- Trip ist. Außer mir war aber niemandem kalt. Diesmal ging ich mit Leo und Elena mit in die Krone. Es wurde ein ziemliches Besäufnis. Du hättest das lächerlich gefunden, so vorhersehbar. Peinlich, wie wir Jahr für Jahr dem gleichen Drehbuch folgen. Wenn du mitgekommen wärest, hätten wir vielleicht gevögelt, in Leos altem Kinderzimmer und danach hätten wir gelesen und wären erst im Morgengrauen eingeschlafen.

Ich ließ mich auf ein bisschen Schmusen mit Lutz ein, wie jedes Jahr zu Weihnachten und eine kleine halbe Stunde habe ich dich nicht vermisst. Dann, wegen dem Schmusen, fehltest du mir auf einmal sehr. Ich ließ Lutz sitzen und ging schnell nach Hause. Der Weg von der Krone zu uns ist lang und als ich zurück war, war ich wieder nüchtern. Vielleicht, so hoffte ich, hattest du auf meine SMS geantwortet, ich habe sie kurz vor dem Crêpes Essen abgeschickt: “Frohe Weihnachten”, habe ich dir geschrieben, dabei ist das gar nicht mein Stil und deiner erst recht nicht. `Abgeschmackt`, hast du sicherlich gedacht.  Aber du hättest trotzdem antworten können. Jemand anderes, Spießigeres als ich, würde sich jetzt richtig aufregen und sich trennen, denn seiner Freundin auf eine SMS mit Frohe Weihnachten! nicht zu antworten, das ist ein hundertprozentiger Trennungsgrund.

Ich habe dann nicht sehr gut geschlafen.

Am nächsten Tag kam dann der Schock. Elena und Leo wollten spontan über Silvester nach Berlin. In meine Wohnung. Das war gegen den Plan. Leo und ich wollten Silvester hier verbringen, uns in der Krone abschießen. Ich versuchte ihnen zu erklären, dass Berlin zu Silvester die Hölle sei, alles total voll, auf den Straßen Krieg, Schmutz und Erbrochenes. Aber Elena besteht darauf. Irgendeine Freundin von ihr war kürzlich nach Berlin gezogen, lebte in einer WG mit Dachterrasse und, ja sie wollten am liebsten sofort abfahren. Mama unterstützte die beiden auch noch: “Das ist doch eine herrliche Idee!” Und zu mir sagte sie: “Du bleibst hier, wir machen es uns gemütlich und du kannst dich erholen. Du siehst ganz schön gestresst aus.” Dazu macht sie dieses besorgte Gesicht, was ich so hasse.

Ich versuchte, ruhig zu bleiben und schaute mit Papa zusammen Vier- Schanzen- Tournee. Elena und Leo packten und schleppten ihre Rucksäcke zum Auto. Richtig weh tat es, als ich Leo meinen Schlüssel in die Hand drückte. Totale Selbstaufgabe.

Als sie weg waren, schlief ich vor dem Fernseher ein. Das Abendessen allein mit meinen Eltern war beinahe gemütlich. Wir stritten kurz wegen der Temperatur. Es war klamm in der Küche. “Du solltest mehr Sport machen” sagte Mama. “Seitdem ich zum Yoga gehe, friere ich überhaupt nicht mehr.” Nach dem Essen habe ich versucht, dich zu erreichen. Diesmal bist du ans Telefon gegangen. Meine Stimmung hellte sich auf, bzw. explodierte  als du sagtest, du wolltest dir überlegen, hierher zu kommen. Du könntest morgen Abend da sein.

Am nächsten Morgen hast du abgesagt. Du könntest die Arbeit jetzt nicht unterbrechen, du wärst gerade so im Schwung. Bis bald und Kuss.

Lutz rief an. Wir sind zusammen spazieren gegangen. Haben uns geküsst. Er nahm mich zu seinen Eltern mit. Das Haus war warm und ich erinnerte mich an damals, als Lutz und ich zusammen in seinem Zimmer am Kachelofen lehnten und uns abwechselnd aus der “Unerträglichen Leichtigkeit des Seins” vorlasen.

Lutz` Mutter war sehr erfreut, mich zu sehen. Sie fragte mich nach meinem Leben in Berlin aus und lüftete ein Geheimnis: Lutz hatte ein Jobangebot in Berlin, ich habe nicht genau verstanden was: Irgendwas mit Chief Development Executing Media Professional Head of Assistance. Ich habe dann dort übernachtet und bin dort geblieben. Silvester haben wir in der Krone gefeiert, mit Fondue und Brettspielen und viel Schnaps. Lutz und ich kommen morgen zurück, er wird erstmal bei mir wohnen und ich wollte dich eigentlich nur bitten, nicht mehr bei mir anzurufen. Du bist mir jetzt bestimmt böse, du hast immer gesagt, ich hätte zu hohe Ansprüche. Aber weißt du: Man hat nur so lange zu hohe Ansprüche, bis man genau das bekommt, was man will.

Ich wünsche dir trotzdem ein frohes Neues Jahr,

deine Maren.

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