Ich habe alles gegeben und alles genommen

Also ich schreibe den Bericht, weil ich nett bin. Der ist für alle, die ich zu meiner Geburtstagsparty eingeladen habe und die nicht gekommen sind. Also für die, die ich eingeladen habe und die zugesagt haben und nicht gekommen sind und die, die ich eingeladen habe und die abgesagt haben und für die, die zugesagt haben und die nicht gekommen sind und die nicht abgesagt haben. Der Bericht ist sogar für die, die ich eingeladen habe und die nicht gekommen sind und die nicht mal abgesagt haben. Und sich auch später nicht entschuldigt haben und meine Einladung zu meiner Party nicht mal erwähnt haben.

Sowas verstehe ich überhaupt nicht. Warum kenne ich solche Wesen? Ich  muss irgendwie maso sein.

Wenn ich jetzt noch wüsste, wer das war, könnte ich die für immer von meiner Freundesliste streichen.

Aber ich war so breit, ich weiß nicht mehr, wer alles da war und wer nicht da war und wer nicht gekommen ist und wer nicht abgesagt hat. Manchmal wache ich nachts auf und es fällt mir ein und ich will mir die Namen noch auf die schwarze Liste, die neben meinem Bett liegt,  schreiben, aber sinnlos über Menschen nachzugrübeln, oder über Dinge die ich nicht ändern kann, also mir mein kleines Köpfchen über Sachen zu zerbrechen, die ich sowieso nicht verstehen kann, das ist überhaupt nicht meine Art und ich werde jetzt, mit beinahe über 53 auch nicht mehr damit anfangen.

Ich glaube, es waren sowieso alle da und mehr als alle, so voll war es in meiner Wohnung. Ich habe aus dem Fenster gesehen und es war nachts und niemand war auf der Straße, kein Wunder, die waren ja alle bei mir.

Dennoch: Bei der Nachbesprechung meiner Geburtstagsparty haben meine Schwester und ich festgestellt, dass wir so ein Verhalten ABSOLUT nicht verstehen können. Also eingeladen werden und weder zu noch absagen. Oder zusagen und dann nicht kommen und sich auch nicht entschuldigen und nicht mal danach was von sich hören lassen. Was sind das bloß für Menschen?

Nun sie werden ihre Gründe haben, ich will es lieber nicht so genau wissen, was eine Person, die ich für würdig genug erachte, um sie auf meine Geburtstagsparty einzuladen, davon abhalten könnte, zu erscheinen und sich noch nicht einmal fürs Fernbleiben zu entschuldigen, also meine Einladung einfach zu ignorieren, mich wahrscheinlich vielleicht sogar noch auszulachen. Aber wer so wenig Selbstrespekt hat, einer von meinen Parties unentschuldigt fernzubleiben, dem ist nicht mehr zu helfen. Wer mich ignoriert, ignoriert sich selber, wer mich verlässt, verlässt sich selber.

Meine Geburtstagsparty. Das social event of the season, wenn nicht sogar of the year. Das Gesellschaftsereignis überhaupt. Jeder, der in Berlin etwas auf sich hält, war dabei. Meine Geburtstagsparty. Es waren viel zu viele Leute da, obwohl ich viele extra nicht eingeladen hatte, also ich habe wirklich nur den ganz engen Kreis eingeladen, also so 50, 60 Leute und manche von denen hatten Leute mitgebracht.

Sowas mag ich ja gar nicht. Wozu stelle ich mir denn so eine erlesene Gästeliste zusammen, wenn das Gleichgewicht durch Mitgebrachte erschüttert wird?

Ich kam mir ja selber wie eine Mitgebrachte vor, da ich wegen Aufräumen und Einkaufen schon etwas mehr als drei Tage wach war und nun ein wenig müde.

Ich fühlte mich, wie in meiner letzten festen Beziehung: Verzweifelt, einsam und genervt, ich wollte nach Hause, aber ich war ja schon zu Hause.

In meiner ganzen Wohnung standen gutgelaunte Menschen herum und redeten. Um halb zehn Uhr vormitags noch! Alle fühlten sich so wohl, dass sie nicht nach Hause gehen wollten. Und es kamen immer noch neue Gäste. Ich war verwirrt und überfordert. Und andauernd wollten Leute mit mir sprechen. Ich hatte keinen Moment Ruhe!

Es war wie in einem vollbesetzten Linienbus, indem man überraschenderweise alle Passagiere persönlich kennt und an jeder Station steigen neue Bekannte ein.

Es gab so viele Stationen, aber wohin steuerte dieser Bus und warum stieg denn niemand aus und wann würde er endlich ankommen?

Meine Party hätte übrigens jeden Nationalisten, Patrioten, Evangelikalen und Konservativen glücklich gemacht: Es gab überhaupt keine Randgruppen:

Ich habe keine schwarzen, schwulen, bisexuellen oder lesbischen Freunde, ich kenne keine Juden, keine Moslems, keine Christen, keine Behinderten, keine Tätowierten.

Ich habe nichts gegen die, kann aber auch nicht sagen, dass einige meiner besten Freunde welche seien. Meine Freunde sind alle ganz normal, sehen aber überdurchschnittlich gut aus. Die einzigen die aus dem Muster fielen, waren ich und die Mitgebrachten. Ich gebe zu, ich war nicht nett zu denen. “Wenn du glaubst, dass du hier sein musst”, sagte ich zu den Mitgebrachten: “dann sei es so.”

Zur Strafe wünschte mir eine zum Abschied noch ein “schönes letztes Lebensjahr”

“Hast du mir gerade den Tod gewünscht`? fragte ich und sie nickte.

Falls ich bald sterbe, dann ist es ihre Schuld.

Nach der Party hat Henry mich gefragt, wer denn die attraktive Blondine gewesen sei, die im Badezimmer zu ihm und Pjotr gesagt hatte: “Na, ihr behinderten Fotzen?” Er hatte vergessen, sie nach ihrer Telefonnummer zu fragen. „Aber das war doch ich, Henry!“ sagte ich und gab ihm meine Nummer.

Außerdem wurde ich von Annamaria gefragt, wer denn der gutaussehende Typ gewesen sei, mit dem sie sich in der Küche ganz lange und ganz toll über Kunst und Kino unterhalten hätte. Nein, er hatte keine Brille, nein, keine grauen Haare, nein, auch keine Glatze, er war nicht übergewichtig, nicht zu alt, nicht zu jung, nicht gebunden, nicht vergeben, nicht besoffen. Einfach gutaussehend, nett, normal und total sexy.  So einen kenne ich aber nicht, das Gespräch kann also nicht auf meiner Party stattgefunden haben, Annamaria.

Warum habe ich das alles bloß gemacht, warum habe ich mir das angetan? habe ich meine Schwester danach gefragt. Also diese Party veranstaltet? Weil es deine gesellschaftliche Pflicht ist, hat sie gesagt. Man muss auch mal was geben. Und ja, ich muss sagen, ich habe es getan:

Ich habe alles gegeben und alles genommen.

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