Harmonie im Zwielicht

Bio Pastinaken. Habe ich natürlich gleich gekauft. Zu Hause aber staunte ich. Pastinaken. Gibt es denn irgendeinen Grund, die nicht Bio zu erzeugen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Pastinaken- Bedarf so hoch ist, dass man Pastinaken in Massenproduktion erzeugen müsste. Oder doch? Gibt es in Holland Pastinakenfelder bis zum Horizont? Gibt es genmanipulierte Pastinaken, Monsanto- Pastinaken? Werden Urwälder für Pastikanenfelder abgeholzt? Nimmt man peruanischen Bauern ihre Äcker weg für Pastinaken in Monokultur? Habe ich schon mal bei Avaaz eine Petition gegen den mörderischen Pastinakenanbau unterschrieben? Ich denke einfach zu viel nach. Gut, dann gibt es eben Bio und Nicht Bio- Pastinaken. Die Proletarier, die Abgehängten, die Unterschicht, die Benachteiligten kaufen billige, hochgezüchtete Pastinaken in Plastikfolie verschweißt, voll mit Genen und Glyphosat, und die anderen…die kaufen eben Bio. Ich habe mir nicht nur Pastinaken gekauft, sondern auch eine Tageszeitung. Im Gesellschaftsteil wurde in einer kurzen Meldung aus einem Interview mit Lars Eidinger zitiert, der sich kritisch über das Weihnachtsfest äußerte. „Zu Weihnachten werde man zu einer Harmonie gezwungen, die es gar nicht gebe. Es verbiete sich, schlechte Laune zu haben. Man müsse den anderen etwas vorspielen.“ Aber er ist doch Schauspieler und als solcher müsste er es doch genießen, anderen etwas vorzuspielen, dachte ich. Das ist natürlich sehr oberflächlich, auch Schauspieler sind Menschen und wollen sie selbst sein. Ich hatte Eidinger am Abend vorher zufällig in dem Film „Familienfest“ Blut kotzen sehen und konnte ihn mir deswegen also sehr gut schlechtgelaunt vorstellen. Wenn mich mal jemand interviewt, werde ich sagen, dass das Schreiben sehr wichtig für mich ist, dass man als Mutter natürlich eine große Verantwortung trägt und dass es nicht immer einfach ist, beim Einkaufen an alles zu denken und manchmal kommt man dann nach Hause und bemerkt erst dort, dass man etwas vergessen hat und dass das Schlafzimmer mein zweites Wohnzimmer ist und dass ich privat auch gern mal in Jeans und T- Shirt rumlaufe und die hohen Schuhe manchmal ganz schön drücken können und dass das man in einer Beziehung aufeinander zugehen und Kompromisse finden muss und dass ich gerne Thymiantee trinke.  Das Schlimmste an Weihnachten ist natürlich, die schlechte Laune Lars Eidingers, die aus der verordneten guten Laune entstanden ist und dagegen hilft gar nichts, außer ein richtig schönes Fest im Kreise seiner Lieben, mit einem geschmückten Baum und einem leckeren Gänsebraten, gutem Wein und liebevoll ausgesuchten und überreichten Geschenken und leuchtenden Kinderaugen. Guten Appetit!

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Published on: Dezember 1, 2016

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