Glavinic und Ic

Nicht nur ich, alle Literaten schreiben jetzt Corona- Tagebücher. 

So auch der österreichische Schriftsteller Thomas Glavinic für die “Welt”. 

Er nennt seine täglichen Einträge aber nicht Tagebuch, sondern “Roman”. Es ist natürlich interessant zu wissen, was der Kollege aus dem Nachbarland im Vergleich zu mir, so aus dem Virus rausholt. 

Auch Glavinic geht mit einer früheren emotionalen Verletzung hausieren, jemand hatte sein Konto leergeräumt, ihn beinahe in den Ruin getrieben, er sei eigentlich schon seit über drei Jahren in selbstgewählter Quarantäne, schreibt er. Die Infektion hat also auch bei ihm schon lange vorher stattgefunden, ähnlich wie bei mir, ich habe mich allerdings erst seit Anfang Dezember letzten Jahres, peu à peu aus der menschlichen Gesellschaft zurückgezogen. 

Glavinic und ich starten also mit ähnlichen Voraussetzungen: Verwundet und mit Depressionshintergrund.

So sind wir Künstler nun mal, wir haben ein Händchen für gefährliche Menschen.

Während ich die derzeitigen Ereignisse ja eigentlich nur als äußere Fortsetzung meines Leidens in Folge der Infektion mit dem Bösen ansehe, gibt Glavinic sich nicht die Schuld am Ausbruch der Pandemie. Obwohl doch, irgendwie schon:

“Das kann auch nur mir passieren: Ich lasse die Welt kurz aus den Augen, und wenn ich wieder hinsehe, herrschen Finanzchaos, Pandemie und Ausgangssperre.”

Im Gegensatz zu mir, verliert Glavinic kein Wort über seine Haushaltsführung. Entweder er macht gar nicht sauber, oder hält es nicht für erwähnenswert, oder er hat im Geheimen eine Putzfrau. Dürfen denn Putzfrauen jetzt noch kommen? 

Wenn man Abstand zu ihnen hält, müsste das doch eigentlich gehen. Oh toll, ich will auch eine Putzfrau haben. Lieber eine Putzfrau, als gar keinen Besuch mehr bekommen. 

Glavinic zahlt alles in bar. Die Lieferung vom Supermarkt und die Medikamente aus der Apotheke. Das Geld übergibt er abgezählt in Briefumschlägen. Ein mittelalterliches Verfahren, wahrscheinlich hat er kein Bankkonto.

Aber er ist Bitcoinexperte, genau wie ich. 

Ein interessanter Mann. 

Schreibe einen Kommentar