Gibt es mich?

Wenn man alles hat, kann man leicht auf alles verzichten.

Zuallererst auf die Standards: Fließend warmes und kaltes Wasser, funktionierende Kanalisation und Müllabfuhr, asphaltierte Straßen, Schulsystem. Isolierte Wände. Elektrizität. Medizinische Versorgung.

Einfach sich in eine Hütte im Wald setzen und darüber auf Instagram posten, wenn man mit dem Cayenne in die City zum Shoppen gefahren ist und sich ins Supermarkt- WLAN eingeloggt hat. Das geht so lange gut, bis man wegen dem WLAN irgendwann nur noch im Supermarkt sitzt. Und dann kann man rumheulen wegen der Ladenschlusszeiten, das auch noch.

“Understatement” sagte mir neulich ein Rapper mit Rolex am Arm (echter Rolex) und Goldkette (echtes Gold),

“Understatement ist was für Leute, die nicht wissen, wie es ist, arm zu sein.”

“Du hast dermaßen recht”, habe ich gesagt und betrachtete sein Outfit genauer.

Weiße Sneakers, schwarze Trainingshose, schwarzes stüssy Shirt, Goldkette und silberne Rolex.

“Hörma Junge, du hast es doch gerade selber gesagt, mit dem Understatement. Du weißt doch schon viel mehr als andere. Jetzt wende deinen Spruch doch auch mal an.”

Er lächelte gutmütig. “So weit bin ich noch nicht.”

“Aber dann bitte wenigstens keine silberne Rolex zur goldenen Kette. Entweder Silberkette und Rolex oder du musst dir noch ne goldene Rolex kaufen.”

“Kann ich mir nicht leisten.“ sagte der Rapper.

“Ja, aber du kannst doch nicht Gold zu Silber tragen!”

Aber ihm war es egal. In seiner Welt merkt das keiner. Wieder mal war meine Meinung nicht mehr gefragt, obwohl sie doch eine sehr gute und relevante Meinung ist.

Manchmal stelle ich mir die Frage, ob ich überhaupt zu irgendwas zu gebrauchen bin. Zum Beispiel, wenn ich meine Kinder morgens zur Schule bringe und wir mit den Fahrrädern auf den Bürgersteig ausweichen müssen, denn auf der Straße stehen Trucks, weil hier mal wieder gedreht wird. Früher war ich noch neugierig: “Wer denn, Wie denn, Was denn, Wann kommt das denn?” Aber heutzutage bin ich nur genervt, denn was hat denn das mit mir zu tun. Das wird irgendein ZDF Krimi, oder ARD Herzschmerz, oder RTL Action und das spricht mich alles nicht an und ich sehe sowieso kein fern. Die drehen da Filme für die Leute, die in den Häusern wohnen werden, die hier neu gebaut werden. Und bis dahin müssen meine Kinder und ich nämlich schon wieder Kurven machen, weil da jetzt ein Kran auf der Straße steht und noch mehr Trucks, diesmal Baustellentrucks. Wenn der Mist ausgestrahlt wird, ist auch das teure neue für mich unbezahlbare Haus fertig und da liegen dann irgendwelche Leute auf dem Flokati vor dem Flachbildfernseher und schauen sich das an. Also da werden Filme gedreht, mit denen ich nicht gemeint werde und Häuser gebaut, mit denen ich nicht gemeint werde und wenn ich mal Nachrichten höre, dann geht es neuerdings andauernd um Autos und auch damit bin ich nicht gemeint, denn ich habe keinen Führerschein und auch nichts gegen Diesel.

Und nun frage ich mich, wenn meine Meinung nicht zählt, und die Filme nicht für mich sind und die Häuser nicht und die Nachrichten nicht, ob es mich dann überhaupt gibt? Beziehungsweise, sage ich mir, dass ich auf anderer Leute Meinungen, Filme und Häuser leicht verzichten kann, wenn sie auf mich verzichten können. Ja, wenn man alles hat, dann kann man leicht verzichten.

(erschienen am 11.12.2018 in der Berliner Zeitung, Rubrik: Unterm Strich)

 

 

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