Gedanken-Liefer-Service-Test-Bericht

Ich habe keine Zeit mehr für lange Spaziergänge und keine Kondition für harte Besäufnisse mehr.
Um trotzdem auf neue Gedanken zu kommen, habe ich jetzt mal diesen neuen Gedanken- Bringdienst ausprobiert:
Bring- Think.
Man meldet sich online an und füllt dort seine Interessengebiete aus.
Tiere, Sport, Literatur, Musik, Kosmetik, Philosophie, Politik, Zeitgeist und vieles mehr stehen zur Auswahl.
Dann gibt man den Wunschtermin ein, bestätigt seine Emailadresse und wartet ab.
Der junge Mann kam kurz vor dem Ende des Zeitfensters zwischen 9 und 12 Uhr Mittags.

Ich bat ihn, im Wohnzimmer Platz zu nehmen. Kaffee, Tee oder dergleichen lehnte er ab,
ein Glas Wasser nahm er gerne an.
Seine dunkelblaue Bring- Think- Uniform stand ihm gut, besonders hübsch waren die dunkelroten Tressen und die goldenen Knöpfe.
Kaum hatte er Platz genommen, lieferte er die bestellten Gedanken aus.
Da ich auf der Bring- Think- Website „Literatur“ angekreuzt hatte, übermittelte er mir Gedanken zu den Neuerscheinungen des Frühjahrs.
Fantastische Bücher seien das:
„Präzise-legendär, bewegend-naiv, fulminant- epochal, kurzweilig- lebensprall, frech- witzig, grell- komisch, unendlich- traurig, nervös- geil und schmerzhaft- schön.“
„Das sind doch keine Gedanken“, wende ich ein.
„Moment“, sagt der Junge, „jetzt kommts:
Alle Autoren können gut schreiben und werden zu unrecht von der Kritik zerrissen.“
Tatsächlich. Das hätte ich nicht gedacht.
Ich vibriere am ganzen Körper und muss den jungen Mann einen Moment allein lassen. Ich trete auf den Balkon und blicke die weite Allee bis zum Alexanderplatz hinauf.
Ich stelle mir vor, eine Zigarette zu rauchen.
Als ich anfange zu frieren und die Kirchenglocken die Mittagszeit einläuten, kehre ich ins Zimmer zurück.
Der junge Mann kommt zum nächsten bestellten Thema: Politik.
Er schämt sich für Österreich, für Merkel, für Sachsen, für Bayern, für Moslems, für die USA, für alle Nicht- Wähler,
für alle CDU, SPD und AFD- Wähler, für die Kölner Polizei, für den Berliner Senat, für die EU, für Russland, für China, für Syrien, für die Türkei, für Griechenland.
„Ja klar, wer tut das nicht, das ist doch normal.“ sage ich, schäme mich aber auch.
Wir schämen uns gemeinsam und schweigen ein paar Minuten.
So tief bewegt war ich schon lange nicht mehr. Was gibt es Schöneres, als sich mit einem Fremden gemeinsam zu schämen?
Zum dritten Thema „Zeitgeist“ arbeitet er assoziativ. Er wirft Begriffe in den Raum:
„Böhmermann, W- Lan, Tinder, Elektroautos, Wetterbericht, Crystal Meth, Stadtschloss Berlin, Champions League, Primark, Fahrradtour, App, Plastiktüte.“
Worte wie elektrische Impulse. Ich zucke am ganzen Körper. Gedanken sind nicht mehr nötig.
Er erhebt sich und bewegt sich diskret Richtung Tür.
Da ich ihn über die Bring-Think -Seite schon im Voraus bezahlt habe, kann er sich schweigend entfernen.
Das ist das Schönste am Gedanken – Lieferdienst:
Man braucht sich um nichts mehr Gedanken zu machen.

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Published on: April 28, 2016

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One Response to Gedanken-Liefer-Service-Test-Bericht

  1. Sich für andere schämen kann auch schamlos sein doch darüber muss ich nochmal nach denken dies war ganz spontan geschrieben

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