Frau belästigt Mann, Teil 2

Ich bin bei einem Essen. Viele Menschen sitzen um einen großen Tisch herum. Neben mir sitzt mein erster Freund. Was hat er für schöne Augen! Schwarz, schmal und mit langen Wimpern. Sein Haar ist dicht und dunkel. Anders als damals. Damals trug er Glatze. Mir gegenüber gibt er sich sachlich und verklemmt. Er will mich auf Abstand halten. Als ob er wüsste, dass ich ihn immer noch gut finde.  Wir waren einen Monat zusammen, als ich 16 war und ich bin immer noch nicht darüber hinweg.  

Obwohl ich Kinder habe und in geordneten Verhältnissen lebe, wenn Rocco mich wollte, ich würde alles hinter mir lassen und mit ihm verschwinden. Mit ihm oder mit meinem anderen ersten Freund, das wird man sehen müssen, wer zuerst kommt.

Es ist so eine klassische Phantasie, dass jemand einen aus dem aktuellen Leben rausreißt, nicht aus Unglück oder Langeweile, einfach wegen dem Effekt und der Aufregung. Für Aufregung bin ich immer zu haben. Jedenfalls sitzt Rocco neben mir und spricht über seine Frau. Margit arbeitet in Hamburg, er in Weinheim. Sie müssen pendeln. Das sei nicht immer einfach.

Ich überlege, ob  er da nicht einen Umweg über Berlin machen könnte, denn was soll ich in Hamburg? Oder wie könnte ich ihn an der Autobahn abpassen? Keine Chance. Ich muss ihn jetzt kriegen, jetzt hier in diesem Raum, inmitten all dieser Menschen.

Ich verwickle ihn in ein Gespräch über Prostituierte. Ich sage, das sei doch ein gutes Konzept. Praktisch für Männer, die könnten dann Frauen bekommen, bei denen sie im echten Leben niemals eine Chance hätten. Rocco verzieht das Gesicht und sagt, ja aber für die Frauen sei das doch schrecklich.

Nein wieso, die bekommen doch Geld dafür, versuche ich, ihn zu überzeugen. Das sei wie bei Krankenschwestern. Ich könnte mir das auch nicht vorstellen, jemandem Spritzen zu setzen, oder ihn abzuhorchen, aber die Krankenschwestern hätten doch einen ganz anderen Bezug zum menschlichen Körper.

 

Er will weiter über seine Frau sprechen und setzt sich von mir weg. Ich bleibe allein und denke darüber nach, wieviel Geld ich ihm geben müsste, damit er mit mir schläft. Aber er braucht kein Geld und ich habe keins. Ich müsste ihm ja mindestens 1000 Euro geben, kalkuliere ich.  Die habe ich nicht und er sieht so aus als würde er seine 5000 netto im Monat haben, da spart sich was an, da würden ihm meine 1000 Euro auch nichts bringen.

Ich habe aufgegeben, versuche nicht mehr, mich in das Tischgespräch einzuklinken, um irgendwie seine Aufmerksamkeit zurück zu gewinnen.  Ich habe mich  damit abgefunden, dass aus uns nichts mehr werden wird. Jetzt ist der Abend auch schon vorbei, alle räumen zusammen den Tisch ab, gleich wird er gehen müssen.

Da kommt er an mir vorbei mit einem Stapel schmutziger Teller auf dem Arm. Ich halte ihn am Ärmel fest, komme nicht an ihn heran, wegen den Tellern. Ich sage es und schäme mich dabei entsetzlich, aber jetzt ist ja auch schon alles egal: „Wollen wir nicht ein bißchen rummachen jetzt? Wollen wir uns küssen?“

Es ist vollkommen absurd, er kann nur Nein sagen, es ist gar nichts anderes möglich und so schaut er mich auch an, macht seinen Körper hart wie Eisen, ein einziges Nein, und dann stellt er die Teller ab und umarmt mich.

Und gerade als sich unsere Lippen berühren, um in einem unendlichen Kuss zu versinken, erwache ich. Mein Mann hustet, das Kind will Frühstück essen, das andere braucht eine neue Windel und draußen fährt ein LKW vorbei.

Mein Leben hat mich geweckt.

 

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Published on: Januar 22, 2016

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