Flüchtlinge, überall Flüchtlinge

Flüchtlinge, überall Flüchtlinge. Dahinter die Erwartung, dass sie irgendwie bessere Menschen sind als wir. Der edle Wilde. Der schwarze Mann. Das glatte Gesicht. Schwarz wie Ebenholz. Wie durch ein Wunder bei uns angekommen. Und es ist ja auch ein Wunder. Wer sie überlebt hat: Die Tiefkühl LKWs. Die Boote. Nicht ertrunken. Nicht erstickt.

Ich habe das ja alles nur aus der Ferne mitbekommen. Die Solidarität der Berliner vor dem LaGeSo. Den Hass in Heidenau. Ich saß nachts am Rechner und klickte auf die Facebooklinks. Ging in Gedanken meine Habseligkeiten durch und glich sie mit den Spendenlisten ab.

Aber schon bei der Hinfahrt  haben wir sie gesehen:

In der Abenddämmerung passierten wir die italienisch- französische Grenze bei Ventimiglia. Ich hatte schon in der Zeitung darüber gelesen, aber hier waren sie wirklich. Flüchtlinge. Schwarze Männer. Matratzenlager auf den scharfkantigen Felsen am Meeresufer. Zerfetzte Planen darüber, als Sonnenschutz. Decken und Schlafsäcke. Wörterbücher dazwischen, zerfetzt und zerlesen. Ich habe sowas noch nie gesehen. Im Wind flattern Transparente: Irgendwas mit Refugees. Unterstützer sind auch hier. Weiße Mädchen mit Rastas.

Warum wollen sie nach Frankreich und nicht in Italien bleiben? Warum schwimmen sie nicht die paar Meter über die Grenze? Ich nehme mir vor, das zu googeln: Flüchtlinge, Ventimiglia, Frankreich, Grenze, warum?, woher? wohin?. Ein paar Meter weiter, in Frankreich, ist ganz normales Leben auf der Strandpromenade. Jogger. Schick gemachte Menschen, die zum Abendessen schreiten. Die ganze leichte Mittelmeer- Ferien- Glückseligkeit.

Als wir bei meinem Schwiegervater angekommen sind, werden wir die ersten paar Tage absorbiert und ich komme nicht dazu, meinen Laptop anzuschließen.

Wir müssen uns integrieren. Unser Chaos wird bemängelt. Wir müssen pünktlich beim Essen erscheinen und danach die Küche aufräumen. Nach ein paar Tagen habe ich es gelernt und mich angepasst: Jeden Abend räume ich nun die Malsachen, die Taucherbrillen, die Schwimmflügel an der “Piscine” zusammen. Ich fege die Terrasse an der Piscine. Mein Mann fegt die Terrasse vor dem Haus. Wir machen uns nützlich. Ich backe Kuchen und Pizza. Mein Mann macht Salat. Und heizt den Grill an. Aber trotzdem springen wir ab und zu in die Piscine oder schlafen aus. Die Schwester meines Mannes ist anders. Sie putzt und kocht den ganzen Tag. Deswegen ist sie die Ordentliche und wir werden unseren Ruf als Zigeuner nicht los. Auch weil meine Schwägerin unseren Kindern Berge von Modeschmuck und Scoubidou Bändern schenkt. Die Kinder räumen das aus und dann fliegen das Zeug überall herum. Als sie meiner Tochter Plastikperlen schenken will, brülle ich sie an. „Non, merci!!!!“

Wir passen uns an. Wir essen. Zwei mal am Tag Fleisch. Bei 38 Grad. Um 12 Uhr 30 und um 19 Uhr 30. Wir essen Hasen, Huhn, Lachs, Sardinen, Muscheln, Wachteln. Wir trinken Champagner, Rotwein, Weißwein. Wir sind zwei Mal am Tag sehr betrunken. Wir gewöhnen uns daran.

Ab und zu sind wir allein im Haus und dann ziehen wir uns sofort aus und springen nackt in die Piscine.

Wir haben uns angepasst, aber den Ruf als „Les Manouches“, als „Zigeuner“ werden wir nicht los. Wir gewöhnen uns an die Frotzelei und frotzeln zurück. Nach dem driten Glas Wein hetzt mein Schwiegervater gegen die Ökos, die “Ecolos” und behauptet die Flüchtlinge, die in Calais campieren und die anderen auch seien von den Saudis bezahlt, um hier Terroristen zu werden. Mein Mann widerspricht und rechnet vor und zitiert Statistiken und ich stoße ihn mit dem Bein an und sage: Lass deinen Pére, er ist 80, das bringt nix.“

Auf dem Rückweg passieren wir wieder Ventimiglia.  Wieder sind die Rastamädchen da und quatschen mit den jungen schwarzen Männern.  Fußball wird gespielt und Essen verteilt. Es sieht irgendwie ok aus und nach unbeschwerter Jugend. Noch scheint die Sonne.

Am nächsten Morgen gehen wir in Italien baden. Schwarze Männer in langen Hemden und Hosen schleppen mit resignierten Gesichtern schwere Taschen mit Zeugs über den Strand. Sonnenbrillen. Tücher. Schwimmtiere. Einer ist nicht ganz so schwarz und trägt eine Brille. Er sieht schlau aus. Ich frage ihn nach Schwimmflügeln. Ich habe noch nie einem Strandverkäufer etwas abgekauft. Ich kaufe einem Typen mit Brille ein paar Schwimmflügel ab. Zu einem utopisch hohen Preis. Ich frage ihn, woher er kommt. Aus Bangladesh. Ich habe noch nie mit jemandem aus Bangladesh gesprochen. Eigentlich würde ich ihn gern ausfragen, aber ich traue mich nicht und ich will ihn auch nicht aufhalten und er arbeitet doch gerade und es geht mich doch gar nichts an und bloß weil ich kurz davor bin, ihm ein Vermögen für Schwimmflügel in die Hand zu drücken, gibt mir das noch lange nicht das Recht…

Ich wünsche ihm viel Glück, und gebe ihm einen Euro mehr, als ausgehandelt. Die Schwimmflügel sind aus hauchdünnem Plastik, made in PRC, stinken barbarisch…und sind kaputt.

Ich laufe den ganzen Strand entlang und finde ihn im letzten Moment, als er die Treppe zur Straße hinaufsteigt. Ich verlange Umtausch und bekomme ein anderes Paar. Nun bin ich aber schlauer. „Wait.“ bfehle ich und puste die stinkenden Dinger vor seinen Augen auf. Es ist heiß. Ich komme mir blöd vor, aber es muss sein. Er wartet genervt und gibt sich auch keine Mühe, das zu verstecken. Ich bin auch genervt und fühle mich mies. Die anderen Schwimmflügel stinken auch so erbärmllich nach Plastik und Gift, sind aber ok. Als ich ihn frage, ob ich die kaputten haben kann (Als Erinnerungsstück und damit er sie nicht nochmal verkauft), verneint er.

„Will you sell them again?“ frage ich. „Yes.“ Wir schauen uns in die Augen. Sex liegt in der Luft.

Aber trotzdem. Ich werde nie wieder einem Strandverkäufer was abkaufen. Mitleid gegen Missachtung ist irgendwie kein guter Deal. Ok, vielleicht kaufe ich noch mal was, aber sicher keine Schwimmflügel. Zu gefährlich.

Später schwimme ich mit meiner Tochter, im Meer. Die Schwimmflügel halten.

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Published on: August 28, 2015

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2 Responses to Flüchtlinge, überall Flüchtlinge

  1. Marlene Hofmann sagt:

    Wunderbares Stimmungsbild! Und warum sollen Flüchtlinge nun auch bessere Menschen sein?

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