First World Problems

Ich bin in letzter Zeit immer so müde. Deswegen bin ich neulich abend auch schon um 20 Uhr eingeschlafen, als mich um 22 Uhr das Geräusch einer eintreffenden SMS weckte. Ich habe einen zu leichten Schlaf. Eine Verwandte aus Schwaben, die gerade in Berlin zu Besuch ist, wollte mich morgen ab halb 12 auf einen Kaffee treffen.  Weil ich zu müde war, fiel mir keine Ausrede ein und warum eigentlich nicht? Kaffee trinken gehen ist immer gut, da komme ich mal von zu Hause raus. Ich bestellte sie um halb 12 in das Café an der Ecke.

Also eigentlich ist es kein richtiges Café sondern so ein Kaffeeladen mit Self Service und Muffins und eigener Kaffeemarke. Ich bestelle da immer alle hin, weil die anderen Cafés hier auch alle so sind und das ist wenigstens in der Nähe. Dann konnte ich nicht mehr einschlafen, weil ich am nächsten Tag einen Termin hatte und ich musste mir den Wecker auf elf Uhr stellen und ich hatte keine Lust dahin zu gehen, weder auf dieses Café, noch darauf sie zu treffen.

Sie kommt alle halbe Jahre nach Berlin und dann muss ich sie immer treffen und ihr das Neueste aus meinem Leben erzählen, als ob ich so eine Berlin- Seifenoper wäre und ich erfahre dann das Neueste aus Gilgichenheim.

Sie trägt immer zu viel Parfüm auf und spricht etwas zu laut. Ich kann sie deswegen riechen und hören, auch wenn sie gar nicht da ist. Ich war dann Punkt halb 12 im Café und wie immer war Schlange am Self- Service, deswegen mag ich dieses Café ja auch nicht, wegen dem Schlange- Stehen- Müssen und dem Self- Service und die Bedienungen sind immer so gestresst, weil alle Leute in der Schlange gestresst sind, weil Schlange stehen stresst und alle versuchen, so zu tun, als seien sie nicht gestresst, und lächeln ganz viel und sind ganz locker, was den Stress noch viel größer macht, weil es ja kein Ventil gibt. Das Einzige was man da tun kann, ist die Situation, den Stress und die Warterei gottergeben in Kauf zu nehmen, es geht ja nicht anders, sonst müsste man ja woandershin gehen, aber wohin denn, sind ja alle Cafés ganz genau so und man muss doch auch mal von zu Hause raus. Ich habs doch so mit dem Rücken und kann nicht lange stehen und schon gar nicht Schlange stehen. Sie war noch nicht da, aber die Schlange war ja lang genug, wenn sie, wie geplant, jeden Moment eintreffen würde, könnten wir zusammen Schlange stehen und ich könnte ihr die Kaffeearten vorlesen, denn ich hatte meine Brille dabei und sie ist zu alt um Kreideschrift in sieben Meter Höhe zu entziffern. Sie würde dann bestimmt einen Ingwertee nehmen und einen Brownie, oder? Hauptsache, sie kommt bald, dachte ich, denn sonst muss sie sich extra anstellen und ich würde zehn Minuten allein an meinem Platz warten müssen, mit meinem Cappuccino und der wäre dann bestimmt schon kalt, wenn sie mit ihrem Ingwertee angedackelt käme. Ich wartete in der Schlange und immer wenn sich die Tür öffnete, drehte ich mich um, in Erwartung ihres kindlichen Gesichtes mit dem offenen und begeisterten Lächeln, ihrem Berlin- Lächeln, denn sie liebt Berlin. Sie geht hier ins Theater, ins Museum, zu Kongressen, zu Podiumsdiskussionen, in Second Hand Shops und sie findet alles so wunderbar und interessant, ist aber auch über die negativen Seiten der Stadt im Bilde, und betrachtet die Gentrifizierung und die steigenden Mieten mit Besorgnis, etc. Dann war ich dran und bestellte einen großen Capucchino und ein Bircher Müsli mit Obst drauf und sie war immer noch nicht da und die zwei Amis vor mir hatten mir gerade den letzten freien Einzeltisch weggeschnappt und so setzte ich mich an einen Vierertisch mitten im Raum und direkt vor den Klos, (die einzige halbwegs akzeptable Sitzgelegenheit für zwei Personen) Nur, dass an dem Vierertisch schon eine Dame saß, die es natürlich scheiße fand, dass ich mich zu ihr setzte, aber was sollte sie machen? In diesem Café gibt es natürlich auch keine Garderobenständer oder Jackenhaken, also musste ich meinen riesigen DuffleCoat über die Stuhllehne hängen, aber der Stuhl war total klein und wenn der Dufflecoat da hing, dann hatte ich kaum noch Platz auf diesem Stuhl, außerdem schleifte er auf dem Boden und das wollte ich nicht.
Mein Dufflecoat ist zwar alt und schmutzig, aber wie er schmutzig werden soll, bestimme immer noch ich.
Also faltete ich ihn ziehharmonikaförmig und platzierte ihn mit angehaltenem Atem auf einen winzigen Hocker neben mir. Eine höchst delikate Angelegenheit, eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, dass der Dufflecoat auf dem Hocker mit 15 Zentimeter Sitzflächendurchmesser liegenblieb und nicht runterrutschte, ich hätte das fotografieren sollen. Vielleicht könnte ich mit dieser Technik Meister sein in irgendeiner fernöstlichen Gegenstandsbehandlungsart, zum Beispiel Ikebana oder Origami. Jetzt musste ich nur noch meinen Cappucchino trinken und mein Bircher Müsli essen und warten. Sie war immer noch nicht da. Aber sie würde bald kommen, dann könnte sie sich mir gegenüber an den Tisch setzen und zusammen würden wir die Dame, die lieber allein sein wollte stören und überhaupt das ganze Café, in dem bis auf das Zischen der Kaffeemaschine und die gesprochenen Bestellungen eigentlich niemand etwas sagte. Alle trinken nur andächtig ihren Kaffee und versuchen, den Stress vom Schlangestehen abzubauen.Aber wenn sie kam, würden alle mitanhören können, was es in meinem Leben Neues gab, natürlich nur die tantenfreie Version, und alle würden hören können, wie toll Berlin sei, etc. Aber sie kam nicht, also blätterte ich mich in einer Illustrierten durch das neue Leben von Jogi Löw, der auf jedem Bild demonstrativ mit jungen Frauen im Bikini abgebildet war, für mich ein weiterer Beweis, dass er schwul ist.
Ich löffelte mein Bircher Müsli und bereute, den schlaffen Pfefferminzezweig nicht schon gleich am Anfang zur Seite gelegt zu haben, als er noch dekorativ auf dem Müsli ruhte. Und auch die Johannisbeeren am Ästchen nicht. Ich wollte die Johannisbeeren nicht essen, denn Johannisbeeren sind mir zu sauer und verwelkte Pfefferminzeblätter wollte ich auch nicht essen. Jetzt waren mir die Beeren und die Minze aber immer im Wege und ich schob sie mit dem Löffel beiseite, bis sie sie vollständig vom Bircher Müsli umschlossen waren und nun konnte ich sie auch nicht mehr herausnehmen und auf den Unterteller legen, das wäre eine zu große Sauerei geworden. Und so bekam ich jedes Mal als erstes Pfefferminzzweig oder Johannisbeerast auf den Löffel. Dann kleckerte ich mir Bircher Müsli auf die Strumpfhose und legte die Illustrierte beiseite, wischte das Geklecker mit einer Serviette weg und nahm mir eine Geo, las aber keine Reportage über atemberaubende Wasserfälle sondern die Leserbriefe, in denen es um die atemberaubenden Wasserfälle in der letzten Geo ging, und trank den Cappucchino, der ein bißchen zu bitter war und jedes Mal wenn sich die Tür öffnete, schaute ich hin, in Erwartung ihres Parfüms und des offenen Lächelns, jetzt war es schon viertel vor 12 und sie war immer noch nicht da und würde wohl auch nicht mehr kommen. Schwaben kommen nie zu spät. Ich könnte mich eigentlich entspannen, aber ich konnte nicht. Erstens hatte ich Angst um meinen Dufflecoat, also wenn jemand vorbeiging, dann könnte er an den Hocker stoßen und dann würde der Dufflecoat runterfallen und ich würde ihn bestimmt nicht noch einmal so perfekt hinfalten können. Ich hatte außerdem Angst, dass sie doch noch kommen würde und dann würde ich noch Ewigkeiten hier bleiben müssen, weil sie sich ja noch anstellen musste für ihren Ingwertee und wir dann noch reden mussten. Ich war eigentlich froh, dass sie nicht kam, das war so, als ob die Matheklausur ausfällt, andererseits ärgert man sich ja darüber auch, weil man ja extra dafür gelernt hat. Außerdem hatte ich mir doch schon eine für sie geeignete Version der Neuigkeiten in meinem Leben zurechtgelegt. Sollte das alles umsonst gewesen sein? Ich wollte trotzdem lieber nicht anrufen und nachfragen, weil ich schnell nach Hause wollte und sie rief ja auch nicht an. Um Punkt 12 bin ich dann gegangen. Habe mein Bircher Müsli nicht aufgegessen, wegen der Pfefferminze und den Johannisbeeren und den Cappucchino nicht ausgetrunken, weil er zu bitter war. Ich habe mein Geschirr aber zurückgegeben, das machen in diesem Laden nicht viele. Meistens muss man den Tisch vorher selber abräumen, weil die Leute denken, der Self Service bezieht sich nur aufs bestellen, oder weil sie auf diese Weise Stress abbauen. Als ich zu Hause war, hätte ich eigentlich noch so viel machen müssen, aufräumen und Steuererklärung und Rechnungen schreiben und so, aber ich habe mich dann doch wieder hingelegt, ich bin ja in letzter Zeit immer so müde.

2 Gedanken zu „First World Problems“

  1. „Ich war eigentlich froh, dass sie nicht kam, das war so, als ob die Matheklausur ausfällt, andererseits ärgert man sich ja darüber auch, weil man ja extra dafür gelernt hat.“ Genau so! Schöne Texte hier, das wird heute eine lange Nacht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.