Filterkaffee ohne Milch und kein O- Saft

Ja, ich möchte Filterkaffee. Schon klar, dass der Barista das nicht ok findet. Ich will aber keinen Latte und auch keinen Soja Latte
und keinen Espresso und keinen Cappucchino und keinen Americano. Es tut mir leid, so bin ich nun mal. Er reicht mir die Tasse Filterkaffee und jetzt will ich auch noch Milch haben.

„Kann ich bitte Milch haben?“ Er greift mit bösem Gesicht nach der Kanne mit der heißen aufgeschäumten Milch, die eigentlich für die coolen Kaffees reserviert ist und gießt mir einen winzigen Schluck in die Tasse. „Mehr.“ Ich halte meine Hand über die Kanne und zwinge ihn, weiterzugießen. „Weiter, weiter, weiter, weiter, weiter.“ Ich muss das so oft sagen, denn seine Hand zuckt, weil er jede Millisekunde die Milchkanne wegziehen will. Er tut mir so leid, weil er Milch auf meinen Filterkaffee schütten muss. Dann hat er es geschafft. Die Tasse ist voll. Danke, sage ich und er sagt gar nichts. Ich habe so ein Mitleid mit seiner Kollegin, die muss den ganzen Tag mit diesem Klemmi verbringen. Dann trage ich meinen Kaffee an einen freien Tisch und schreibe in mein Notizbuch, dass diese Idioten hier keinen frischgepressten O- Saft haben. Nur Karotte, Rote Beete und Apfelsaft gemischt. Ich hasse dieses Café so sehr. Aber ich werde doch keinen Soja Latte bestellen, bloß um gemocht zu werden. Ich werde doch keinen Rote Beete Saft bestellen, bloß um respektiert zu werden.

Ich muss hier sein. Habe gleich ein Meeting. Es geht um eine Fernsehserie. Das deutsche Sex and the City! Netflix, ZDF, SAT1 oder Amazon. Irgendjemand von denen soll uns viel Geld dafür geben. Ich darf das auch nicht weiter erzählen, denn bestimmt hatte noch niemand die Idee, das deutsche Sex and the City zu machen. Aber das Meeting ist eine Katastrophe. Das Meeting verläuft fast noch schlimmer, als die Begegnung mit dem Barista. Als die Kolleginnen seit 20 Minuten darüber verhandeln, wie lang die einzelnen Folgen der noch komplett ungeschriebenen und unfinanzierten Serie sein sollen, gehe ich. Ich muss nämlich dringend los, weil ich nicht länger bleiben will. Zu Hause blättere ich durch meine Notizen. Nein. Ich kann daraus keinen Text machen. Ich habe nämlich gesagt, wie ich meine Figur, die mich in der Serie repräsentieren soll und die ich schreiben möchte, anlegen will und die Chefkollegin hat dann komisch geguckt und gesagt, nein, sie wolle, dass es realistisch sei und ich habe gesagt, aber es ist realistisch, was ich von mir erzählen will und sie hat dann noch mal ganz lange ihr Konzept erklärt und ich habe dann noch mal gesagt, ja genau und deswegen will ich ja meine Figur auch so erzählen. Und dann hat sie gesagt, wie sie meine Rolle in der Serie sieht, also die Figur die ich schreiben soll und die mich repräsentieren soll, nämlich: „Die ist eine, die ist nichts und die dann anfängt zu bloggen und macht dann so Poetry Slam und dann kommen so kleine Erfolge und dadurch bekommt sie etwas mehr Selbstbewusstsein.“
Es ist natürlich schon ein bißchen traurig, wenn die Eigen und die Fremdwahrnehmung so auseinanderklaffen und es ist natürlich schon ein bißchen traurig, wenn die Kollegin gar keine Bedenken hat, mir das so direkt unter die Nase zu reiben. Wahrscheinlich war ich ja selber schuld. Weil ich so einen kurzen Rock angezogen hatte und ich am frühen Morgen schon Filterkaffee getrunken hatte. Und weil ich am frühen Vormitag allein in der Stadt unterwegs bin. Da muss ich mich auch nicht wundern, das mir sowas passiert. Vielleicht habe ich es mir auch insgeheim gewünscht, beleidigt zu werden. Denn sonst hätte ich vielleicht nicht so mit dem Hintern gewackelt, als ich mir noch einen zweiten Filterkaffee geholt habe. Diesmal hat mir der Barista auch nur noch kalte Milch gegeben. Deswegen hat man zu mir gesagt, dass ich Nichts bin und mir kalte Milch gegeben,  weil ja die Täter sich ihr Opfer aussuchen. It takes two to tango.
Also ich wurde beleidigt und habe nichts gesagt, nur so ein bißchen rumgestottert und mir Notizen gemacht, um sie nicht ansehen zu müssen, denn ich bin ja nichts und meine Erfolge sind klein und mein Selbstbewusstsein gering. Man will sich ja auch keine Blöße geben, vielleicht hat man ja auch was falsch verstanden. Deswegen habe ich ja auch einfach alles mitgeschrieben, um es später vor Gericht beweisen zu können.
Am nächsten Vormittag bekomme ich eine Email von der Kollegin und in der werde ich gefeuert. Ich dürfe mich aber gern bei ihr melden, wenn noch Gesprächsbedarf bestünde und sie hätten mich auch schon fast ersetzt. Also die anderen hätten gute Vorschläge zu anderen Autoren gemacht. Ich bin wirklich beruhigt, dass wegen mir das Projekt eines deutschen „Sex and the City“ noch nicht gestorben ist und dass wir bald dieses wunderbare Produkt werden bewundern können und dass dieses wunderbare Projekt nicht wegen mir gescheitert ist. Ich bin beinahe ein bißchen verletzt deswegen, aber dann nimmt mich mein Mann in der Küche noch mal ins Kreuzverhör. Was ich genau gesagt hätte und wie ich reagiert hätte und warum ich nicht besser reagiert hätte und dass ich hätte mehr lächeln und mitmachen sollen, wegen des Geldes und der Karriere und er hat recht.

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Published on: Mai 13, 2017

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