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Feuerwerkskörper

Mein Silvester war wie die 80er. Wer sich daran erinnern kann, war nicht dabei. Weihnachten und Geburtstage sind mir beinahe egal, aber bei Silvester bin ich sentimental. Ich brauche da Knallerei und Schampus und Freunde und Party. Die Party muss gigantisch sein, sonst fühl ich mich erbärmlich und klein. Die Party war gigantisch. Ich habe eine Rakete aus der Hand gestartet. Alle wussten, dass man sowas nicht tun darf, aber ich wusste das nicht. Mir hat das nie jemand gesagt. Ich bin ohne Vater aufgewachsen und meine Mutter hat Silvesterknaller immer abgelehnt. Ich auch. Ich hatte immer nur Angst davor. Jetzt nicht mehr. Jetzt ist mir alles egal. Ich will, dass es kracht. Jetzt habe ich Knaller gekauft und nach einer Weile fragte ich mich, warum man die immer in Flaschen stellen muss. Man kann den doch auch an dem Holzstock festhalten und dann anzünden. Es war eine einsame Entscheidung. Es knallte, alle husteten und sahen mich entsetzt an. Danach zitterte ich ein bißchen und keiner wollte mit mir Wiener Walzer tanzen. Dann doch, aber es stellte sich heraus, ich kann keinen Walzer tanzen. Obwohl das doch der einfachste Gesellschaftstanz überhaupt ist. So begann 2018. Mit Ruß und auf die Füße treten. Am nächsten Morgen habe ich einen Böller angezündet. Ich wollte den in Richtung einer Dame mit drei kleinen Hunden werfen. ich war etwas aggressiv. Weil drei kleine Hunde zu besitzen ist Tierquälerei, weil dann immer ein Hund ausgeschlossen ist. Ich habe der Dame das gesagt und dann antwortete sie: Sorry, i don`t speak german. Und das war morgens auf dem Kollwitzplatz und da wurde ich plötzlich so wütend. Verdammte Ausländer, dachte ich. Können kein deutsch, leben aber mitten in Berlin, wahrscheinlich in einer fetten Eigentumswohnung, können kein deutsch, aber haben dafür drei Hunde, die mein schönes Berlin vollscheißen. Deswegen wollte ich den Böller auf sie werfen. Nicht auf sie, aber in die Richtung. Dabei war das nicht zu Ende gedacht von mir. Solche Leute räumen immer die Hundescheiße weg. Nur die Berliner Assis, die lassen sie liegen, um die Zugereisten zu ärgern. Wie auch immer. Ich zündete den Böller an und wollte ihn in die Richtung werfen, aber der Typ der neben mir ging, hielt mir die Hand fest. Deswegen ist der Böller teilweise in meiner Hand explodiert. War zum Glück kein Polenböller, sonst wär die Hand jetzt weg. War nur ein harmloser Böller, deswegen hatte ich nur eine blutende Hand und einen blutenden Hals und eine Woche ein halbtaubes rechtes Ohr. Instant Karma. Du sollst keine Böller in Richtung von kleinen Hunden werfen wollen.

In meiner Hand ist der Böller explodiert, wie eine unglückliche Liebe. Eine Liebe muss man wie in der Hand entzünden und dann ganz weit wegwerfen, sonst explodiert sie in der Hand und dann blutet es.

Ich habe sogar mal nicht Sex gehabt und mit jemandem stattdessen geredet. Wir haben ein supererwachsenenenenes Gespräch auf Augenhöhe in gegenseitigem Einverständnis geführt und das hat dann viel länger gedauert als Sex und das war so romantisch. Da hätten wir eigentlich auch gleich vögeln können und es hinter uns bringen, anstatt stundenlang so ganz dicht und immer dichter zusammen in meinem Wohnzimmer zu sitzen. Dann wären wir danach nicht so dicht gewesen und es wäre gesünder gewesen, als sich einfach alles voneinander zu erzählen. Bevor wir das tun konnten, musste allerdings erst mal meine Schwester verschwinden, denn sie wollte mit ihm diskutieren, weil er gesagt hatte, man müsste sich auch mal die Argumente der Holocaustleugner anhören und ich fand aber, das ist kein Gesprächsthema in meiner Wohnung nach mehr als 24 Stunden gigantischer Party und außerdem habe ich Verständnis für Holocaustleugnerargumenteanhörenwoller, ich finde die ja sympathisch, weil ich wünsche mir ja auch, es wär nie passiert.

Außerdem habe ich nichts gegen Holocaustleugnerargumenteanhörenwoller, wenn sie gutaussehend und unter 40 sind.

Dann ist meine Schwester gegangen, es war ja auch schon am Abend des 1. und wir waren allein und haben uns dann wie gesagt, nach kurzer Verhandlung wegen Treue und so, fürs Reden und mehr Intimität und Dichte entschieden und wir haben dann wie gesagt, geredet und geredet und er hat mir supergute Lieder auf Youtube gezeigt und ich habe ihm supergute Lieder auf Youtube gezeigt und dann sind wir in den Kitkat Club gefahren, weil da waren noch Freunde und es war auch erst kurz nach Mitternacht, also ein zweites Silvester, also schon der zweite erste. Ich hab im Kitkat Club Menschen ficken sehen, also in echt und nicht im Porno, wenn man es schon nicht selber tut, sollte man wenigstens anderen dabei zu sehen, aber nein, dass muss auch nicht sein, nur wenn man drauf steht, also ich stehe jedenfalls nicht drauf und anderen beim Sex zusehen gleicht es nicht aus, wenn man selber keinen gehabt hat.

Im Gegenteil eigentlich, weil man es dann vielleicht nie wieder machen will, wenn man mal gesehen hat wie das in echt so aussieht. Vielleicht sollten alle Religionen, die Wert auf keinen Sex legen, ihre Anhänger ins Kitkat führen, da vergeht einem doch schon ziemlich nachhaltig die Lust. Wir haben sogar ein bißchen getanzt, die Musik im Kitkat ist ja tatsächlich ganz gut. Das habe ich in all den Jahren immer übers Kitkat gehört. Ja, ok da wird in den Ecken gefickt, aber die Musik ist echt ganz gut. Wir lagen dann schließlich in einer gutbeleuchteten Zone mit netten vollständig bekleideten Menschen auf einem Sofa. Er hat mit einem Typen über Tischlerjobs geredet und ich habe mit einem Frederic aus Kiel über Pornos gesprochen. Aber so ganz neutral und ganz clean und es war ja auch schon beinahe morgens, also wir wurden dann um 8 aus dem KitkatClub geworfen und eigentlich kann ich hinter 2018 dann schon jetzt einen Haken setzen. Jetzt kann ich mich schon wieder etwas mehr bewegen und könnte jetzt das verschimmelte Dinnerpartygeschirr in der Spüle waschen und ich werde es vielleicht sogar auch tun. Außerdem gehts mir insgesamt so schlecht, ich habs geschafft, über die Feiertage ABZUNEHMEN. Weil ich Liebeskummer habe, ich habe nämlich mit meinem Schwarm Schluss gemacht. Per Facebook Nachricht. Ich habe ihn nämlich gefragt, ob wir uns treffen wollen und er hat nicht geantwortet.

Jedenfalls nach zweieinhalb Tagen Party habe ich Stimmen gehört und die Krümel auf der Tischplatte fingen an sich zu bewegen und ich habe jetzt gelernt, das man sowas “polytoxe Überhangshalluzinationen” nennt. Ganz normale Sache also, wenns auf der Achterbahn des Lebens mal abwärts geht. Da muss man sich aufrappeln, hochkommen, wie Phönix aus der Flasche, ne? Und als solcher stehe ich hier ja nun, im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte. Alle meine Freunde wollen jetzt den Januar über mal etwas kürzertreten, weil das ja doch ganz schön viel war, in der letzten Zeit. Ich aber mache genau so weiter, das ist ja auch mal ein guter Vorsatz.

 

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