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Feedback

Ich schreibe ja so ziemlich alles über mich ins Internet. Und nun frage ich mich wegen meiner Außenwirkung. Also ob ich nun deswegen Schwierigkeiten haben werde, einen festen Freund zu finden, weil der ja dann aus dem Internet alles über meine Eskapaden lesen kann, der angepeilte Mann.

Also angenommen, ich lerne einen kennen und alles ist ganz toll. Begeisterung, heißer Sex, Blumen, Anrufe, Kinobesuche, Spaziergänge, Restaurantbesuche etc.

Irgendwann fragt er dann, was ich mache und dann sage ich, steht alles im Internet und dann liest der das und dann sagt er:

“Nee, Ruth, das ist zu viel für mich. Sex mit Models und mit Staubsaugervertretern und Herumgejammer wegen Depressionen und ich muss dich deswegen leider verlassen, weil ich diese Bilder nicht aus dem Kopf bekomme, wie du, meine heilige Überallesgeliebte, es mit halb Berlin getrieben hast.”

“Aber nein!” rufe ich dann: ”Das ist doch nur LITERATUR! Außerdem habe ich doch jetzt DICH und da mach ich sowas wirklich nicht mehr!”

“Aber in deinem letzten Text hast du doch geschrieben, dass du eine Fesselsession mit einem Filmproduzenten und einem Restaurantbesitzer veranstaltet hast!”

“Ja, aber das war wirklich das letzte Mal!”

“Nein. Es geht nicht mehr. Ich verschwinde für immer aus deinem Leben, denn du bist nicht die Frau von der ich geträumt habe, weil du bist eine ehrlose Hure.”

“Nein bin ich nicht!” schreie ich. “Ich habe alle mit reinem Herzen gefickt! Ich brauchte doch Material für meine TEXTE!”

“Ficken sagt man nicht.” antwortet er. “Du bist so schmutzig, ich bin so enttäuscht von dir. Wie konntest du nur. Oder Ruth!!! schwöre mir, dass du dir das alles nur ausgedacht hast!”

“Ich schwöre, dass ich mir das alles nur ausgedacht habe!”

“Du lügst!” sagt er und läuft schreiend davon. Ich bin wieder allein und muss weiter mit grölend mit Hallodris um die Häuser ziehen, weil er nicht mehr auf mich aufpassen will.

Aber vielleicht gibt es doch auch unseriöse feste Freunde, die es mit der Moral nicht so genau nehmen und deren Ego nicht so verletzlich ist. Deswegen mache ich den ganzen Mist doch nur. Weil mein Ego auch verletzlich ist. Ich brauche doch so unendlich viel Bestätigung.  Aber die Unseriösen suchen eher so brave Frauen. Alle wollen brave Frauen. Zeig mir eine brave Frau die Single ist. Eben.

Ich hätte ja auch lieber einen braven Mann. Arbeitsam und streng. Er soll zu allem, was ich tue eine Meinung haben. Er soll immer sagen, was er über meine Kleidung denkt und über meine Frisur. Er soll sagen, wie er den Kaffee findet, den ich ihm morgens koche und wie er mein Fahrrad findet und wie ich gehe und wie er meine Träume findet. Ich brauche ganz viel Feedback, weil ich doch so unsicher bin. Er soll mir sagen, wie er das findet, dass ich so unsicher bin. (Nicht gut) und deswegen bin ich dann nicht mehr unsicher und das findet er dann gut. Wegen dem ganzen Feedback, dass er mir gibt, verbessere ich mich dann und schöpfe mein Potential aus und gefalle ihm immer besser. Stimmt aber gar nicht.

“Ruth, du nutzt mich nur aus, ich verlasse dich.” sagt er eines Tages.

“Ich gebe dir die ganze Zeit Feedback und du gibst mir gar keins.”

“Aber du bist perfekt!” sage ich. “Ich finde alles gut an dir und das sage ich dir doch die ganze Zeit. Du riechst immer so gut und du bist so hübsch und du bist toll im Bett und du gibst mir immer so tolles Feedback, damit ich mich verbessern kann!”

“Das reicht mir nicht.” sagt er.

“Ich will wissen, wo ich Verbesserungspotentiale habe, ich will mich auch weiterentwickeln, ich will mit dir gemeinsam wachsen und dir auf Augenhöhe begegnen, aber du schmachtest mich die ganze Zeit nur an und hast ständig Angst, dass ich dich verlassen will, bloß weil ich dir ab und zu Verbesserungsvorschläge bezüglich deiner Performance mache. Aber du verbesserst dich gar nicht, ich glaube, du hörst mir gar nicht richtig zu.

Ich fühle mich mit dir nicht als Mensch, sondern als Objekt, weil du mich einfach nur bewunderst.”

“Du bist so wunderschön, wenn du so ernst mit mir redest.“ sage ich. “Ich habe noch nie einen schöneren Mann als dich gehabt. Und du hast so eine tolle tiefe Stimme!”

Er schüttelt bloß den Kopf und bevor ich ihm sagen kann, wie gut ihm das steht, ist er für immer weg. Ich weine um ihn, aber das ist doch Quatsch.

Als ob dann alles gut wäre, wenn ich einen festen Freund hätte. Erstens ist bei mir alles gut und zweitens bin ich verliebt, also ich kann gerade keinen Freund gebrauchen, dann wäre der ja nicht damit einverstanden, dass ich jemanden verliebt bin. Und der Verliebte wäre vielleicht auch nicht einverstanden, dass ich einen festen Freund habe. Aber vielleicht wäre ihm das auch egal, wir reden über sowas nicht. Ich weiß auch nicht, ob der Verliebte meine Sachen im Internet liest und was ich da für eine Außenwirkung auf ihn habe, denn wir reden über sowas auch nicht.

Wir sind anders als andere Paare, denn wir sind ja kein Paar.

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