Es liegt am Wetter

Vielleicht sollte ich einfach nur übers Wetter schreiben. Wie am Morgen kurz die Sonne rauskommt, dann aber wieder verschwindet. Wolkendecke, Regen, Schnee, wieder Regen. Kälte. Was man dann anzieht. Dem Kind zu wenig. Es ist selbst schuld, es will keine Strickjacke, keinen Schal und keine Mütze. Es sagt Nein zu allem, deswegen frage ich gar nicht mehr.

Draußen friert das Kind.

Normalerweise habe ich für diesen Fall immer trotzdem noch eine Strickjacke, Mütze und Schal dabei und kann sie dem Kind dann anziehen. Dann friert es nicht mehr. Diesmal habe ich es einfach vergessen, nicht nur vergessen, nicht mal daran gedacht. Habe nur ans Wetter gedacht, ob man das interessant beschreiben könnte und dass ich keine Lust habe, zu hören, dass das Kind keine Strickjacke, Mütze oder Schal anziehen will. Auch nicht Haare kämmen. Wenn ich dem Kind die Haare kämmen will, schreit es mörderisch, noch bevor die Bürste seine Haare berührt. Das Kind geht mit verfilzten Haaren zum Kindergeburtstag und ohne Mütze, Strickjacke und Schal.

Ich mache mir Vorwürfe.

Ich muss mich mehr auf das Kind konzentrieren, verantwortlicher sein. Ich nehme mir vor, alles besser zu machen, gleich morgen, ich werde früh ins Bett gehen und morgen ausgeschlafen sein und endlich mal aufräumen. Ach nein, heute abend hat ja mein Bruder Geburtstag, ich werde nicht früh ins Bett gehen, ich werde trinken und rauchen etc.

Ich habe noch kein Geschenk. Ich weiß nicht, was ich ihm schenken soll. Schokolade oder Alkohol sind so unpersönlich, außerdem trinken wir bei seinen Geburtstagen immer den Wein, den er letztes Jahr zum Geburtstag bekommen hat und sonst trinkt er keinen Wein. Schokolade verschenke ich nicht, ich habe noch nie jemandem Schokolade geschenkt. Ich habe schon Schokolade geschenkt bekommen, hochwertige Bitterschokolade. Ich hasse Bitterschokolade, mein Bruder bestimmt auch.

Ich gebe meine Tochter beim Kindergeburtstag ab, mit ihren zerstrubbelten Haaren, morgen endlich werden wir baden und ich werde ihr die Haare waschen und dann kämmen, mit ganz viel Spülung, es muss sein, es wird so sein, egal wie müde ich sein werde, egal, wie sie schreien wird.

Als ich wieder nach Hause komme, steht das Fahrrad nicht vor der Tür, das heißt, mein Mann ist noch unterwegs, das heißt, ich werde gleich alleine zu Hause sein.

Beim Treppensteigen stelle ich mir vor, ich wäre ein alleinstehender Typ, der gerade aus dem Büro kommt und einen einsamen Abend vor sich hat, mit Fernsehen und Bier. Ich finde das eine angenehme Vorstellung. Die Singles sehnen sich immer so nach Beziehung und Familie und wollen ihr Leben teilen und ich hätte mein Leben manchmal gern wieder für mich allein.

Das muss man sich auch mal klar machen.

Ich schalte den Rechner ein und anstatt das zu tun, was ich tun wollte, gehe ich irgendwohin und will irgendwas kaufen. Ich fülle meinen Warenkorb und will bezahlen und werde gefragt, ob ich die Auswahl bestätigen will. Ich bestätige die Auswahl.

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Published on: November 28, 2015

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