Es ist weich und weich ist schön

Ich versuche, mich so wenig wie möglich zu bewegen und möglichst nicht zu atmen. Die Luft ist giftig. Ich bin im SoHo House. Im Kellergeschoss, im Kino. Es ist nicht schwer, sich nicht zu bewegen. Die Sitze sind so unendlich bequem. Total weich und es gibt kleine Hocker, auch gepolstert, wo man die Beine drauflegen kann. Die Hocker kann man bewegen. Sie näher ranschieben. Man kann sogar die Füße draufstellen. Füße in Straßenschuhen. Wie oft reinigen sie die Bezüge von diesen Hockern und von diesen Sitzen? Und wie? Nehmen sie die Bezüge ab und dann ab in die Reinigung? Schäumen sie die mit Reinigungsschaum ein? Ist deswegen Gift in den Bezügen von der Reinigung? Also schädige ich meine Organe, durch Einatmen, durch Anwesenheit. Was ist das für ein Material ? Es sieht aus wie Samt. Ist aber zu weich für Samt. Echter Samt ist steif und hart. In Wiener Kaffeehäusern gibt es mit Samt bezogene Bänke. Mit goldenen Nieten. Grüner Samt oder roter Samt. An einigen Stellen schon abgerieben und durchgesessen. Man sitzt eher unbequem darauf. Beziehungsweise muss sich einbringen, um es bequem zu haben. Dieses Samtersatzmaterial aber korrumpiert einen. Man muss nichts tun, sich nur hineinfallen lassen, wie in eine Schlammpfütze. Schlamm ist auch sehr bequem. Die Sessel sind weich und kuschelig. So weich wie Fleece. So weich wie Polyester. Ich bin aber nicht elektrisch aufgeladen. Die müssen noch was Antistatisches mit reingewebt haben und vielleicht auch was schmutz- und fettabweisendes. Dieses weiche Kissen in das ich gerade meinen Kopf reindrücke, weist bestimmt heimlich mein Kopfhaarfett ab. Wie eine Lotusblume. Das Fett rollt sich zu einem Kügelchen und kullert zum dicken weichen schallschluckenden Teppichboden. Wie oft wird der gereinigt…? Na gut, den kann man saugen. Vielleicht saugen sie die Sessel auch ab. Aber das Licht ist hier so schummrig. Wir befinden uns im Keller. Oder wie die Leute hier sagen würden: Untergeschoss. Haha. Hier kommt also niemals Tageslicht rein. Die hassen das bestimmt voll, hier zu putzen. Vielleicht schleppen sie die Sessel zum Waschen auch raus auf den Hof. Oder sie tauschen sie komplett aus. Wie bei Starbucks. Da wird auch alle halbe Jahre die Inneneinrichtung komplett ausgetauscht. Das wird alles verbrannt. Die dürfen die alten Sessel und Stühle bei Strafe nicht verschenken. Ich weiß das, denn ich war mal dabei, als die das gemacht haben. Das war nachts vor dem Starbucks in Mitte. Da hat mir das ein Typ erzählt, der den Austausch überwacht hat und als wir da einen Stuhl angefasst haben, weil der doch ganz schön war, so ein okayer heller Holzstuhl, da hat der uns das verboten. Die von Starbucks schmeißen einfach alles weg und machen danach alles komplett neu. So machen die das übrigens auch mit dem Personal. Genau so ist es im Soho House. Beweis: Soho House und Starbucks Personal darf nur Englisch sprechen. Und alle halbe Jahre bringen sie die um. Die haben nämlich nicht nur ein Kino, eine Bibliothek und ein Spa im Keller, sondern auch eine Guillotine. Wenn man im Soho House die Augen schließt und ganz genau hinhört, kann man die Schreie hören. Und was ist das eigentlich für eine dünne schwarze Rauchsäule die ab und zu hinter dem Soho House in den Himmel steigt? Denkt mal drüber nach. Aber oben auf dem Dach gibt es einen Swimmingpool. Der ist ganz klein, sagt meine Verbindungsfrau. Der ist nur zum Auftauchen gemacht. Junge Frauen mit operierten Brüsten tauchen dort im Sommer die ganze Zeit auf. Tauchen erst unter und dann auf. Sie ziehen sich mit nassen Haaren am Beckenrand hoch und machen dabei so ein Gesicht. Weil sie auch zum Film wollen. Sie tragen rote Badeanzüge, denn Bikinioberteile können bei der Übung leicht verrutschen. Aber jetzt sind wir nicht oben am Pool, sondern unten im Kino. Wir werden jetzt einen Film sehen. Vorher sagt der Produzent noch was dazu und der Regisseur, wie das eben so ist vor einer Filmvorführung. Alle lachen liebevoll über jeden kleinen lockeren Scherz der Kulturschaffenden und machen sogar selber welche. Dass das Lachen so aggressiv klingt, kommt bestimmt nur mir so vor. Denn ich bin die Einzige, die hier aggressiv ist. Während der Film läuft, schreibe ich aggressive Notizen auf einen kleinen Zettel. Wenn mir der nachher aus der Tasche fällt, bin ich geliefert. Wenn sie den finden, werden sie mich verschwinden lassen. Die Guillotine ist ja gleich nebenan. Aber ich muss keine Angst haben. Wenn ich den Zettel ganz tief in meiner Hosentasche vergrabe, kann mir nichts passieren. Die anderen sind alle so lieb und weich wie die Sessel hier. Die anderen schreiben keine Gehässigkeiten auf. Die anderen genießen einfach den Film. Im Film sind sie auch alle so lieb. Also der Film ist total gut, der Ort ist schön und die Leute sind nett und es gibt Cola umsonst und es gibt überhaupt keinen Grund, hier so den Anarcho raushängen zu lassen. Denn ich will jetzt noch nicht sterben.

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Published on: Mai 8, 2017

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