Er und sie

Sie geht mit ihrer Mutter den kleinen Weg entlang, durch den Kiefernwald, hinter den Bäumen rauscht die Ostsee. Heute Abend fährt sie wieder nach Hause. Warum bleibt sie nicht? Sie fühlt sich eventuell verpflichtet am Abend bei ihm zu sein, es ist doch Wochenende, und er muss doch so viel arbeiten, seinen Laden hochbringen.

Morgen am Sonntag nimmt er sich frei, auch für die Gesundheit, sie gehen dann vielleicht mal wieder schick frühstücken. Sie probieren nämlich nach und nach alle Frühstückslokale im Viertel und darüber hinaus aus. Am besten ist es in Mitte, an diesem Sportplatz, das große Vegetarische zu zwölf Euro. An den Nebentischen quengeln Kinder, aber das macht ihnen nichts aus. Sie lächeln und ab und zu sagt er etwas Onkelhaftes. Er kann gut mit Kindern, er wäre bestimmt ein guter Vater, aber daran will sie jetzt nicht denken, die Sache ist gelaufen, sie ist jetzt 43 und als es wichtig gewesen wäre, da konnte er eben nicht. Zu viel Arbeit, zu viel Stress, zu viel Verantwortung. Jetzt nicht, später vielleicht hat er gesagt, und da war sie schon 39, aber sie erinnert sich, sie hat ihm nicht die Wahrheit gesagt, am Anfang, drei Jahre jünger hat sie sich gemacht im Internet, vielleicht hätte sie ihn sonst gar nicht kennengelernt und wie kann sie ihm das dann vorwerfen? Ihnen fehlt doch nichts. Ruhiges Leben und viel Arbeit. Jeden Abend Abendbrot, neuerdings ernährt er sich gesünder, nicht mehr so viel Brot und Zucker und Fleisch, weil er doch solche Schmerzen im Knie hat. Sie hat dann im Internet recherchiert und sie haben diese Sendung auf 3sat gesehen am Dienstag Abend, da wurde alles erklärt, was am besten gegen Krebs Prophylaxe macht, und zwar Beeren. Also kauft er jetzt immer Beeren und hat schlechte Laune, weil ihm die Bonbons fehlen, oder weil er so viel arbeiten muss.

Darum ist sie jetzt allein an der Ostsee, aber sie ist ja nicht allein, geht ja spazieren mit ihrer Mutter und deren Freund, den mag sie nicht so sehr, weil er immer im Trainingsanzug und laute Stimme, aber besser die Mutter ist nicht allein und unglücklich.

Der Freund geht voraus, wegen Sport und Tempo und sie und die Mutter bummeln so hinterher. Manchmal wartet er auf die beiden und kuckt frech, so Vorwurf oder schelmisch, na ihr zwei lahmen Enten, haha und dann setzt er sich wieder in Marsch, hat reserviert fürs Mittagessen und schaufelt dann Hirsch mit Klößen. Sie und die Mutter den frischen Zander und einen kleinen Salat. Dazu Weißweinschorle. Dann gehts weiter, zurück nach Hause, da steht die Tasche und dann Bahnhof. Zu Hause sitzt er vor dem Fernseher, na wie wars? Beide müde jetzt, wenig Worte und ein Schwedenkrimi. Gar nicht schlecht, sind die, hat sie ihrer Freundin erzählt, die nie fernsieht und nie Schwedenkrimis. Nie.

Samstag Nacht früh ins Bett. Am Sonntag Morgen früh wirft die Putzfrau der Kneipe unten im Haus Glasflaschen einzeln in den Müll. Er springt aus dem Bett und brüllt raus, schimpft, so viel Wut. Sie ärgert sich auch, ist aber gar nicht mehr müde. Kaffee jetzt und dann anziehen, die Sonne scheint, sie gehen die Kastanienallee runter, er geht noch mal schnell ins Büro, ob das Fax da ist? Sie wartet auf der Straße in der Sonne, dann kommt er angespurtet und sie gehen weiter, er geht ein bisschen schnell, sie ein bisschen langsam, ist doch Sonntag, sie kann nur noch langsam gehen, weil sie vom Leben nichts mehr erwartet, sie ist zufrieden, sie hat sich abgefunden, sie lächelt und geht in ihrem Tempo, das ist das Einzige, was sie sich gönnt, am Wochenende langsam zu gehen, mag er toben wie er will. Als sie ankommt ist er schon da, ja fast hätten sie uns den Tisch weggenommen, wettert er, wegen dir, sie nimmt Platz und sie bestellen das große Vegetarische und einen großen Milchkaffee und er auch, obwohl Kaffee ungesund ist, aber es ist Sonntag. Das Vegetarische kommt. Joghurt und Ei und Käse. Es ist warm, trotz Oktober richtiggehend heiß. Am Nebentisch quengeln die Kinder. Ist doch ganz schön auch, keins zu haben, sagt er, sie lächelt, er droht schelmisch mit dem Zeigefinger, die Eltern lächeln, alle lächeln, nur die Kinder nicht. Er liest jetzt die Zeitung, informiert sich und redet wieder nicht mit ihr, aber worüber sollen sie sprechen, jeden Tag sehen sie sich im Büro und jeden Abend zu Hause und jede Nacht im Bett. Was wollen sie seinem Bruder zum Geburtstag schenken? Darüber muss sie alleine nachdenken. Nachher muss er noch mal kurz ins Büro und sie kann dann endlich mal in Ruhe zu Hause leben.

Previous post:
Next Post:

Written by:

Published on: August 12, 2015

Filed Under: Text

Tags: , , ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen