Energie/Roboter/Wodka: Schreibkreis Nordost

Nach langer Zeit hat der Schreibkreis Nordost wieder ein Treffen zustande gebracht. Diesmal in einer neuen Lokalität, mit Kellnern und beinahe ohne Musik, dafür musste draußen geraucht werden.

Sie waren zu dritt. Drei sind ein Kreis. Die Texte waren allesamt hervorragend.

Tja, manchmal braucht man nur mitzuschreiben, was passiert ist und schon hat man eine Geschichte. Man muss nichts weglassen oder hinzufügen, es genügt, das Ereignis gut zu erzählen. So war es in Lilas Text, der als erster besprochen wurde.

Leider wird man den nie zu lesen bekommen, weil darin Menschen vorkommen, die sich verletzt fühlen könnten.

Sie sprachen darüber, dass man den Text ja etwas abändern könnte, um ihn freigeben zu können. Aber dann würde die Erzählung nicht mehr so viel Sinn machen.

Rosa meinte, sie würde sich beim Schreiben freier fühlen, wenn sie Namen und Begebenheiten abändern würde. Blanca meinte, sie würde sich manchmal schon damit schwer tun, die Namen der Personen zu ändern.

Bestimmte Geschichten können nur an bestimmten Orten und mit bestimmten Menschen erzählt werden und funktionieren woanders nicht. Thomas Bernhard hat großen Ärger für „Holzfällen“ bekommen, aber die Geschichte musste mit diesen Menschen in Wien spielen und er hätte sie nicht nach Köln ins Bikermilieu verlegen können.

Blanca meinte, im Moment sei alles Theorie für sie, sie sei leergeschrieben und würde mittlerweile nur noch schlafen. Die Wohnung sähe aus wie ein Schlachtfeld und wenn, dann könne sie nur noch darüber schreiben, aber darüber hätte sie schon so oft geschrieben.

Sie spekulierten darüber, wie es wäre, jeden Tag einen Text zu schreiben, ob man dann substanzieller oder unsubstanzieller werden würde. Überhaupt könne man doch nur maximal zwei Stunden am Tag etwas Neues schreiben, der Rest sei Sortieren und Überarbeiten oder Konzepte oder Büro. Blanca stimmte zu, aber nicht mal das brächte sie zustande, nicht mal aufräumen. Einfach gar nichts, immer nur müde stattdessen.

Text Zwei war kristallin und perfekt. Nur die Anspielung im Titel auf Blade Runner wurde nicht verstanden und Rosa musste Lila und Blanca die Handlung von Blade Runner erzählen.  Gemeinsam erinnerten sie sich an die großen Science- Fiction Filme der 70er und 80er. Planet der Affen, Alien, der Wüstenplanet, die Klapperschlange. Sie machten abfällige Bemerkungen über Star Wars und gingen noch einmal auf Rosas erfreulichen Text ein, an dem, wie gesagt, überhaupt nichts auszusetzen war.

Der Kellner brachte Weißweinschorlen und Wodka. Er machte bezüglich des Wodkas eine Bemerkung zu Blanca, die an ihre Wodkabestellung vor zwei Wochen bei dem selben Kellner anknüpfte, aber Blanca konnte sich an nichts erinnern, überhaupt irritierte sie der persönlichkeitsstarke Kellner. Sie reagierte zurückhaltend und dachte an die eingepflanzten Erinnerungen der Replikanten in Blade Runner. Scheinbar hatte man dem Kellner andere Erinnerungen eingepflanzt, als ihr. Beziehungsweise man hatte dem Kellner Erinnerungen eingepflanzt und ihr nicht, somit war es klar, dass er der Replikant war und nicht sie.

Auch Blancas Text wurde gelobt. Sie hatte Zweifel gehabt, ob der Schluss funktionierte und es war das erste Mal, dass man ihr einen ihrer so geliebten überraschenden Schlüsse durchgehen ließ und sie nicht überzeugen wollte, ihn doch etwas besser vorzubereiten.

Insofern war dieses Schreibkreistreffen eine einzige Selbstbeweihräucherung und man konnte über andere Dinge sprechen.

1. Was die ideale Art sei, Geburtstag zu feiern:

In einer Bar, die aber für die Öffentlichkeit gesperrt sei, mit guter Anlage und Musik, sowie der Möglichkeit die Amphetamine direkt auf der Bar zu ziehen und nicht zusammen auf der Toilette verschwinden zu müssen.

2. Geldverdienen.

Dass viele Freunde sich lieber selbst ausbeuten, als besser zu kalkulieren und mehr Budget für Projekte zu verlangen. Dass man denkt: Wenn die Arbeit Spaß macht, brauche ich nicht so viel zu verdienen.

3. Woran sie dieses Lokal erinnerte, in dem sie sich getroffen hatten:

DDR+Mitropa+Kaffeehaus+Krankenhaus+Nachtasyl

Ein längerer Exkurs widmete sich der Kaste von internationalen Neuberlinern welche seit Jahren miteinander in mäßigem Englisch kommunizieren, diese kleinen Ausländerinnen, die in einfachen Hauptsätzen ihre Feelings herauspressen und deswegen zu feineren Gefühlsnuancen oder Gedankengängen gar nicht mehr in der Lage. Die deswegen immer so begeistert von allem sind, weil sonst nichts mehr stattfindet in ihren kleinen Hirnen. Its so great und do you know the amazing Nacho Bar in the Wiener Straße? YOU REALLY GOT TO GO THERE!

Die vielleicht schon spent Years in Tallin oder Milano oder Zagreb und denen man nichts anmerkt, weil sie sich immer nur von Blase zu Blase bewegen und Friends überall haben, genau so weichgespülte Airbnb Zombies wie sie selber und die überall wissen, wo es die besten koreanischen Burger gibt und denen man nie den Weg erklären darf, weil sie immer nur auf englisch danach fragen.

Excuse me, Metzer Straße down there?

Weeß ick nich.

Oh, sorry.

(Jaja, sie wissen schon ganz genau, dass wir sie durchschaut haben.

 

 

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Published on: November 27, 2015

Filed Under: Metatext, Schreibkreis Nordost, Text

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