Einsam geht nur allein

(Veröffentlicht in BERLINER ZEITUNG am 31.10.19)

In der Großstadt. Sie sind überall: Nebentischsitzer, Hinter- Einem- Geher, Im- Wege- Steher, Passanten, andere Leute.

Macht nix. Ich bin dran gewöhnt.

Aber wie schön wäre es, sich mal für ein paar Tage allein an einen Strand am Ende der Welt zu legen. Ich war früher oft hier, aber dann ganz lange nicht. Warum eigentlich? Es ist so schön einsam hier! Ich übernachte in dem gleichen Zimmer wie früher, erste Etage, unverbauter Blick aufs Meer. Hier ist fast niemand, nur: Strand, Sonne, Wasser, Berge, Himmel. 

So groß ist die Sehnsucht nach dem Alleinsein, dass ich es auf der Reise nicht mal fertig bringe, mehr als das Nötigste mit meinem Begleiter zu sprechen. Das muss ich auch nicht, denn er ist kein Strandlieger. Er klettert auf Berge und schaut sich Dörfchen an. Er will Bewegung, ich will Ruhe. Ein ganzes Meer voll Ruhe, einen ganzen Himmel voll Stille. 

Ich liege im Sand und lese. Ich bin das erste Mal seit Jahren ohne Kinder am Meer. Ich muss kein Picknick bereithalten, niemanden mit Sonnencreme einschmieren, keine Schwimmflügel aufblasen. 

Es gibt nur mich, ein Buch und ein Tuch. 

Aber so, wie ein Tropfen Tinte ein Glas Wasser färben kann, kann schon die Anwesenheit eines einzigen anderen Menschen an einem ansonsten menschenleeren Strand, alles zerstören. 

Deswegen ist die Erinnerung an die Stille dieses Ortes, auch eine Erinnerung an die Störungen dieser Stille. Ach, deswegen war ich so lange nicht mehr hier!

Unvergessen die nackten österreichischen Rentner, die sich damals genau neben mir und meinem Ex ausgebreitet haben, anstatt ans andere Ende der kleinen Bucht zu gehen. Oder das Pärchen, das sich an dem kilometerlangen menschenleeren Steinstrand, nur wenige Meter neben uns legte. 

Wie wütend wir deswegen waren. Und wie wir nichts tun konnten, außer erst böse gucken und dann flüchten. 

Ich liege allein am Strand und lausche der Ewigkeit, als sich ein Mann nähert, und -leider mal wieder zu nah- entschlossen ein Paar Taucherflossen abwirft. Dann stapft er durch den heißen Sand zu seiner Frau zurück, um ihr mit der Strandtasche behilflich zu sein. Ihre Stimmen mischen sich in das Meeresrauschen und ich ärgere mich. Nun passiert das Rätselhafte: Er setzt sich von seiner Frau weg, ans Meeresufer. Auch er sucht wohl -auf seine Art zumindest- die Einsamkeit. Das hilft mir aber nichts, denn jetzt bin ich umzingelt. Die Aussicht auf kahle Berge und rauhe Wellen sind mir links von einer älteren Dame im türkisfarbenen Bikini und rechts von einem schmerbäuchigen Vollbärtigen verlegt. Zurück in Berlin stelle ich fest: Hier stören mich andere Leute selten. Aber am Ende der Welt finde ich sie unerträglich.

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