Ein schöner Morgen

Ich esse neuerdings wieder gern Müsli. Ich mache es mir selber.

Haferflocken, Rosinen, Banane, Apfel, sogar chilenische Blaubeeren, Milch in einem Schälchen, am liebsten das weiße mit dem Sprung im Rand. Ich esse es mit meinem Lieblingsteelöffel, der mit dem Holzgriff. Der ist so schön warm in der Hand. Besonders am Morgen berühre ich so ungern kühles Metall. Vielleicht mag ich den Löffel auch deswegen so, weil er das Einzige ist, was von unserem Haus übrig blieb, nach der Explosion. Ich hatte ihn in der Hand behalten, ohne es zu bemerken, als ich schreiend aus dem Küchenfenster sprang.

Nachdem ich aufgegessen habe, stelle ich die Schüssel in die Spüle und lasse sie mit Wasser voll laufen.

Die Sonne scheint. Ich bewege mich auf den Balkon, was wie immer schwierig ist, mit dem Rollstuhl. Erst die Tür aufstoßen und dann gleich hinterher, denn sonst würde sie mir vor der Nase zufallen. Rolle über die kleine Schwelle drüber. Sowas nennen sie heutzutage eine behindertengerechte Wohnung! Ich nehme mir erneut vor, den Architekten zu verklagen, wenn ich die Prozesse gegen die Handelskammer und den Kleingartenverein gewonnen habe. Draußen schiebe ich mein Gesicht Richtung Sonne, strecke den Arm aus und fotografiere mich selbst.

Das beste Bild lade ich hoch und schreibe “Ja! Es ist Frühling!” darunter. Der Gedanke an die positiven Reaktionen, die ich dafür bekommen werde, macht mich froh.

Später kämme ich mir lange die Haare. Ich mache das gern, weil es sich so angenehm anfühlt, wenn die Bürste die Kopfhaut entlang kratzt. Die Berührung erinnert mich an Rodolfo, den besten Friseur der Welt. Ich habe ihn vor zwei Monaten verlassen, wegen seiner krankhaften Eifersucht. Ich werde mich nun mal nicht scheiden lassen. Für niemanden! Mein Mann ruft an, als hätte er geahnt, dass ich an ihn denke. Aber ich werde es auch diesen Monat nicht schaffen, ihn im Gefängnis zu besuchen. Ich tröste ihn. In spätestens vier Jahren hat er es überstanden und dann werden wir unseren Traum wahr werden lassen und eine Galerie für rumänische Konzeptkunst gründen. Es klingelt ungeduldig an der Tür. Das kann nur einer sein. Mein Sohn Thor Kohn. Ich freue mich, ihn zu sehen, auch wenn ich weiß, dass er sich wieder Geld leihen und erreichen will, dass ich zum Islam konvertiere.

 

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Published on: September 29, 2015

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2 Responses to Ein schöner Morgen

  1. Jörg sagt:

    Liebe Frau Herzberg
    Am besten gefällt mir die Idee, eine Galerie für rumänische Konzeptkunst zu gründen. Da ich mir zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht annähernd vorstellen kann, welche Kunst sich dahinter verbirgt, wäre ich auf alle Fälle gerne bei der Eröffnung dabei. Bitte in einer weiteren Geschichte ankündigen.
    ‚Ein schöner Morgen‘ gefällt mir.
    Liebe Grüße
    Jörg
    PS: Halten sie den Löffel fest. Er sollte nicht verloren gehen.

  2. frauruth sagt:

    Hallo Jörg, ich habe gerade rumänische Konzeptkunst gegoogelt und stieß auf Ion Grigorescu und Ion Grigorescu. Nicht schlecht, was die gemacht haben. Den Löffel behalte ich. Vielleicht wird der auch auf der Ausstellung gezeigt. Ich sag Bescheid. Schönste Grüße!

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