Donald Druck

Damals in den 90ern bin ich nachts mit so einem unguten Gefühl nach Hause gegangen, hielt den Schlüsselbund umklammert,
hatte die Kapuze über den Kopf gezogen. Damit mich keine Skins verkloppen. Mir ist nie wirklich was passiert. Aber Viktor haben sie die Nase gebrochen und Kati haben sie an den Haaren gezogen und Ella haben sie Bier über den Kopf gekippt und mir haben sie was Mieses zugerufen,
von der anderen Straßenseite aus. Früher bin ich nachts noch nach Hause gegangen, wenn mir müde und langweilig wurde, trotz aller Gefahren, habe ich Tschüß gesagt und meine Jacke angezogen und bin raus aus dem Nachtleben. Habe mich auf den Nachhauseweg gemacht, obwohl ich Angst hatte, allein auf der Straße, nachts im Dunkeln. Heute habe ich keine Angst mehr. Da ich nicht jogge, ich auf meinem Rückweg nicht ins Schwimmbad muss und keine U- Bahntreppen oder Weihnachtsmärkte überqueren, fühle ich mich sicher. Ich gehe aber trotzdem erst heim, wenn es hell wird.
Heutzutage bleibe ich unterwegs, mache ich weiter, bestell ich mir noch was zu trinken, gegen die Müdigkeit und die Langeweile. Ich bin gern zu Hause, ich bin lieber zu Hause als draußen, ich will nur nicht nach Hause GEHEN, das ist das Problem.
Ich liebe die ewige Nacht in meiner Lieblingsbar. Meine Lieblingsbar sieht aus wie eine tschechische Bahnhofskneipe in den 20ern.
An der Decke hängt sogar eine große Bahnhofsuhr, damit man weiß, wann der nächste Zug geht. Aber ein Zug nach dem anderen fährt ab und ich bleibe.
Die Uhr funktioniert für mich nicht. Halb drei, halb vier, halb fünf, es macht keinen Unterschied. Erst um halb sechs wird es brenzlig und um halb sieben stimmt die Uhr wieder. Es ist Tag und wir müssen raus. Werber, sagt man, koksen auch tagsüber vor ihren Meetings, oder wenn sie kreativ sein müssen, oder werfen sich Pillen ein,  weil sie dem Druck nicht gewachsen sind. Werber und Banker. Zu viel Druck, zu viel Drogen. Wie die Rechtsradikalen. Wenn die früher interviewt wurden und man sie gefragt hat:
„Aber warum haben Sie auf den Mann eingetreten, als er schon am Boden lag? Ihm die Schädeldecke gebrochen und das Nasenbein?“ Haben sie immer nur mit einem Wort geantwortet: „Druck.“ Das wars. Ein leeres Gesicht und „Druck.“ Wäre auch ein schöner Name für eine Comicfigur, einen drogensüchtigen, rechtsradikalen Werber: „Donald Druck“
Ich seh Parallelen, wo es keine gibt, zwischen Druck und Drogen und Gewalt.
Ich seh immer Parallelen, wenn ich zu nüchtern bin.

Previous post:
Next Post:

Written by:

Published on: Dezember 20, 2016

Filed Under: Uncategorized

Tags: , ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen