Documenta in Athen

Wir sind radioaktiv. Das heißt, wir müssen allein sein. Wir brauchen 10 Quadratkilometer unbewohntes Gebiet um uns herum, sonst verstrahlen wir alles. Allein an einem Stück Mittelmeer. Man darf keine Häuser sehen, keine Autos hören. Nur ein Schiff am Horizont ist erlaubt. Wir wollen den ganzen Tag nackt sein. Nackt in der Sonne und nackt im Schatten. Nackt im Bett, nackt in der Bucht, nackt im Wasser, nackt auf den Klippen. Nackt lesen, nackt baden, nackt rauchen und nie mehr zurückkommen. Wir scherzen, dass dies der perfekte Ort wäre, um unsere Ehe zu retten und das wir unbedingt bald wiederkommen müssen, um weiter unsere Ehe zu retten und wir lachen über Leute, die ihre Ehe retten müssen. Wir müssen uns aber mit Sonnencreme einschmieren und mit Mückenzeugs und wir müssen ins Flugzeug steigen und durch den Sicherheitscheck und gehören die Cockringe, Poppers, Lecktücher, Dildos, Drogentütchen, Kondome und Handschellen ins Handgepäck oder in den Koffer? Wir dürfen im Flugzeug nicht Bombe sagen, auch wenn wir damit nur die heißen Stewardessen meinen. Wir müssen nach Athen. Wir müssen auf die Akropolis und das/ den (?)Parthenon sehen, meint er.
Vielleicht müssen wir jetzt doch noch unsere Ehe retten, so wütend bin ich deswegen. Was kann ich denn dafür, dass die Griechen überall alte Steine hingestellt haben? Immer verlangen meine Männer, dass ich mir die anschauen muss. Die interessieren mich aber nicht, diese kaputten Säulen. Er kauft einer Oma in schwarz ein weißes Tuch ab. Bist du bescheuert? sage ich. Was sollen wir mit dem hässlichen Tuch, wir haben schon genug hässliche Tücher. Du bist einfach nur krank. Er sagt, es ist Wirtschaftskrise und das ist ein altes Tuch und die Omas leeren ihre Schränke, weil sie nichts mehr zu essen haben und ich sage: Bist du dumm? Das ist eine Oma- Bande, das Tuch ist aus China und aus Polyester und schau mal, da ist schon wieder eine Oma, die verkauft das gleiche Tuch. Aber er wird immer schwach, wenn etwas weiß ist und bestickt, so wie ich als Ossi immer bei Marmorjeans schwach werde, oder bei Trainingsanzügen, Turnschuhen oder Bomberjacken.  Die Akropolis muss man gesehen haben. Ich habe sie ja auch schon gesehen. Auf Fotos und von Weitem. Ich frage ihn, ob er sich in Berlin etwa auch den Checkpoint Charlie oder das Brandenburger Tor anschauen würde? Ob er wirklich so ein Idiot ist? Er sagt, dass er jetzt bis drei zählt und wenn er bei drei sei, dann müsste ich wieder nett sein. Bin ich aber nicht. Als wir oben sind, finde ich es erst mal ganz gut, diese Säulenhalle, weil ich denke, da kommt geich noch mehr, aber da kommt nicht mehr. Wenigstens gibt es eine interessante Frau dort, im grauen Hosenanzug aus Wolle und weißen Turnschuhen und mit schwarzer Sonnenbrille. Ich versuche, sie zu fotografieren, aber in dem Moment stellen sich Chinesen davor und dann fängt es an zu regnen. Auf dem Parthenon ist ja nicht mal mehr ein Dach drauf, also kann man sich nirgendwo unterstellen, also werden wir nass. Da legen wir uns das weiße Polyestertuch auf den Kopf und werden nicht mehr nass. Die Griechen sind sehr nett, sie sagen immer Efharisto und Palokalo, also Bitte und Danke und sie können sehr gut Taxi fahren und Schiffe lenken und Flugzeuge fliegen und manche Typen hier sehen wirklich aus wie griechische Götter. Also junge Götter mit Locken und Lippen und Muskeln. Die Frauen sind noch schöner, viel schöner als die in Berlin. Wenn ich ein Mann aus Berlin wäre, würde ich nach einem Besuch in Athen weinen, weil es hier solche Frauen einfach nicht gibt. Richtig schöne Frauen. Nicht nur irgendwie Schöne. Und die haben lange Haare, wallende lange Haare und Kurven und hohe Schuhe und schöne Kleider und gute Laune. Ich bin froh, dass ich in Berlin lebe, in Athen könnte ich einpacken. Ich bin doch wieder nett zu ihm, damit ich nicht gegen eine Athenerin umgetauscht werde. Die Documenta haben wir uns nicht angesehen. Ich glaube ja, dass die Documenta in Athen einfach nur eine Art von schlechtem Stadtmarketing ist. Haben die nicht 50o Kunstwerke in der ganzen Stadt verstreut? Wer und wie soll man sich das denn ansehen? Und was gibts da überhaupt? Macht mal Bildersuche: Documenta Athen, da findet man beinahe nichts, außer Sperrholzwürfel, ein Zelt und rote Knoten. Documenta in Athen ist wie Säullen nach Athen bringen, oder Fidget Spinner, oder weiße Polyester Tücher. Brauchen die nicht. Haben die schon. Wie soll ein politischer roter Knoten neben den alten Säulen bestehen können? In letzter Zeit macht mich Kunst immer so aggressiv, früher fand ich alles von Kunst gut. Jetzt sehe ich meistens nur Vokabeln wie „Aufbrechen“ „Machtverschiebungen“ „sichtbar machen“ „Materialität“ und in Wirklichkeit ist es ein Haufen Sperrmüll, von dem ich Panik bekomme, weil ich mich dann fühle, als ob ich in meinem Wohnzimmer stehe, dass ich auch mal wieder aufräumen müsste.

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Published on: Juni 14, 2017

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One Response to Documenta in Athen

  1. D sagt:

    Ich habe die Blablablamüllkunst auch satt! Ich kann auch was hochhoch politisches auf meine angelatschten Schuhsohlen schreiben!

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