Die Wahrheit über dich

Du hast viel um die Ohren und so wenig zu lachen. Nicht, weil dein Leben so grausam ist, sondern weil es so ernst ist.

Beruflich stehst du ganz gut da. Du warst zielstrebig und schlau, bist sehr gut ausgebildet und hast dich nur selten gehen lassen.

Dein Freund lebt 500 Kilometer entfernt und außer, dass er sehr gut aussieht, weißt du eigentlich nichts von ihm. Insgeheim träumst du davon, ihn zu heiraten, das würdest du aber niemals zugeben.

Du hast die letzten zehn Jahre gekämpft und dich angestrengt, aber der grüne Zweig ist noch so weit oben.

Du wohnst immer noch in einer WG und du kommst da nicht mehr raus.

Deine größte Angst ist, dass deine Mitbewohnerin vor dir schwanger wird und du dann das Feld räumen musst. Nachts liegst du manchmal wach und rechnest deine Ersparnisse zusammen. Wird es reichen, um die Kaution für eine neue Wohnung zusammen zu bekommen? Wäre es nicht klüger, sich jetzt gleich eine Wohnung zu suchen, so lange es noch geht? Du stehst auf und klickst auf Immoscout herum und stellst fest, es geht nicht mehr. Am liebsten wäre es dir, wenn du und deine Mitbewohnerin zusammen in dieser Wohnung alt werden würdet.

Am liebsten würdest du deine Mitbewohnerin heiraten.

Mit deiner Chefin verstehst du dich gut. Du schwärmst allen von ihr vor. Deine Chefin ist das größte für dich und eines Tages möchtest du so wie sie sein. Das einzige was deine Chefin an dir nicht mag, ist, dass du zu viel rauchst. Du arbeitest viel. Du würdest am liebsten nur noch arbeiten. Du bist gern im Büro. Du magst die Teppiche, die Telefone, die Glastüren, die Siebträger- Kaffeemaschine. Wenn du am Rechner sitzt, hast du das Gefühl, leben zu dürfen. Wenn deine Chefin hereinkommt und mit dir spricht, wird dir warm, weil ihr so einen guten Draht zueinander habt.

Am liebsten würdest du deine Chefin heiraten.

Deine Eltern leben sehr weit entfernt und verstehen deinen Job nicht und auch nicht dein Liebesleben. Sie freuen sich, dass es dir gut zu gehen scheint, aber egal wie euphorisch du ihnen von Berlin und deinen Projekten skypst, in ihren Augen glüht die Sorge um dich. Das macht dich so fertig, dass du manchmal monatelang nicht mit ihnen sprichst.

Wenn du dich im Spiegel betrachtest, findest du dich schön, auf Fotos nicht.

Wenn du feiern gehst, dann bis zum übernächsten Tag nachmittags. Das hältst du aber nur noch einmal im Jahr durch, also gehst du nicht mehr feiern. Wenn die anderen zusammen aufs Klo gehen, gehst du nach Hause.

Du bist so unendlich dankbar, wenn dich jemand versteht. Deswegen möchtest du wie die anderen sein, damit die dich verstehen. Zur Sicherheit gehst du davon aus, dass  alle genauso sind wie du. Daher magst du die gleichen Bücher, Filme und Serien wie die anderen und hast den gleichen Kleidungsstil. 

Am liebsten würdest du alle anderen heiraten.

Wer dir lange in die Augen schaut, erkennt die Sorge die in ihnen glüht und findet dich schön.

Du bist dir selbst ein Rätsel. Du weißt nicht, warum du ständig diese Angst hast, alles zu verlieren.

Du machst Yoga und meditierst und willst lernen, loszulassen. Du schaffst es nicht.

Du willst dich in etwas wieder erkennen, weil du dich selbst dann besser verstehen kannst.

Du würdest dich gern heiraten. Erst dich und dann die ganze Welt.

Ja. Du willst.

 

 

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Published on: Oktober 22, 2015

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