Die Geschichte vom kleinen Bier

Ich war neulich zu einer Filmpremiere eingeladen und in der Einladung stand explizit, man soll keine Getränke mitbringen und sie dort an der Bar kaufen, um die Veranstalter zu unterstützen. Für mich war das total in Ordnung, auch wenn ich derzeit ein bißchen sparen muss, aber ich bin ja nicht asozial. Ich kam aber erst zehn Minuten vor Beginn der Vorführung dort an und hinter der Bar stand nur ein älterer recht langsamer Typ, aber vor der Bar standen hunderte recht junge Leute und nachdem ich eine zeitlang völlig unbemerkt am völlig falschen Ende der Bar wartete und die zeitlupenhaften Bewegungen des alten Zausels verfolgte, verlor ich die Hoffnung auf ein kleines Bier und deswegen hatte ich die kriminelle Idee, mir Bier beim Späti nebenan zu holen.

Es musste schnell gehen, der Film ging ja gleich los und einen guten Platz wollte ich auch noch haben. Ich ging also wieder hinaus und holte mir Bier beim Späti. Zum Glück hatte ich einen großen himmelblauen Stoffbeutel dabei und nicht wie sonst immer, die kleine schwarze Krokolederhandtasche in die überhaupt nichts reinpasst, die dafür aber unnendlich elegant ist. An diesem Abend hatte ich mich aber für den kosmopolitischen „Berlin- Tourist“ Look entschieden. Also Turnschuhe, Legging, Hemd und Fischgrät- Mäntelchen. Und Stoffbeutel. Auf dem Stoffbeutel stand „Quartiersmanagement Gropiusstadt“, den hatte ich am Tag zuvor bei einem Brauerei Hoffest gewonnen. Zusammen mit einer Frisbeescheibe und einem dunkelblauen Stoffbeutel, auf dem Quartiersmanagement Spandau steht. Ich hatte mich im Späti für tschechisches Bier entschieden, was von der Richtung her schon mal stimmte, nur wurde auf der Veranstaltung das andere tschechische Bier verkauft, so dass ich mich erst nicht traute, mein Bier aus dem Beutel zu holen. Um das Bier öffnen zu können, hatte ich mir auch noch extra ein Feuerzeug dazu gekauft. Nun musste ich entscheiden, ob ich das Bier schon auf der Straße aufmachen sollte und dann ganz lässig mit dem geöffneten Bier in die Veranstaltungsort reinmarschieren wollte, so als ob ich das dort an der Bar gekauft hätte und nur mal eben draußen gewesen war. Weil drinnen hätte ich es nur schwer öffnen können, das wäre ja aufgefallen, wenn ich ein Bier aus meinem Stoffbeutel hole und das dann mit einem Feuerzeug öffne. Zwischendurch stellte ich mir die Frage, ob ich nicht ein bißchen paranoid sei und warum ich das sei, weil ich doch seit Jahrzehnten nicht mehr kiffe. Wenn meine Schwester dabei gewesen wäre, die hätte sich ganz einfach das Bier aufgemacht und sogar noch jemand anderen darum gebeten, weil sie das nicht mit dem Feuerzeug öffnen kann und es wäre ihr auch zuzutrauen, dass sie den Barmann darum gebeten hätte. Aber sie war nicht dabei und ich musste alleine klarkommen, außerdem lief mir die Zeit davon, weil der Film ja gleich losging und ich auch noch einen guten Platz brauchte. Ich hätte mir das Bier auch im Dunkeln aufmachen können, aber ich hatte Angst, dass es so laut ploppt und sie dann das Licht einschalten und einen Scheinwerfer auf mich richten und mich dann alle ansehen und mit dem Finger auf mich zeigen und der Regisseur des Films dann sagt:
„Ruth, das finde ich echt nicht ok von dir, hier Bier mitzubringen, denn in der Einladung habe ich doch extra geschrieben, dass ihr keine eigenen Getränke mitbringen sollt und du hast dir trotzdem Bier beim Späti geholt und fällst damit dem Veranstalter und damit auch mir in den Rücken. Wenn wir in einer Gesellschaft zusammenleben wollen, muss sich jeder an die Mindeststandards halten und wegen Asozialen wie dir, werde ich nie in einer Anarchie leben können.“
Diese Schmach wollte ich unbedingt vermeiden, also entschied ich, das Bier auf dem Klo zu öffnen. Ich hatte Glück, denn es war ein Behindertenklo mit Waschbecken. Man hatte also einen großen Raum für sich alleine und sollte jemand draußen warten, würde er das Ploppgeräusch vom aufmachen nicht hören können, ganz im Unterschied zur Situation, wenn ich in einer Klokabine gewesen wäre, wo die die außen warten, ja auch die Pinkelgeräusche hören können. Das kann peinlich sein, deswegen können manche in der Öffentlichkeit nur pinkeln, wenn sie gleichzeitig die Klospülung betätigen. So aber konnte ich das Bier öffnen ohne die Klospülung zu betätigen und keinen Verdacht zu erwecken, dass ich hier etwa eingeschmuggeltes Bier trinken wollte, obwohl doch in der Einladung extra gestanden hatte, man solle keine Getränke mitbringen, sondern diese an der Bar des Veranstaltungsorts erwerben.
Es war seltsam, wie als ob das Bier mich überführen wollte, ploppte es beim Öffnen super super laut, aber ich war ja auf dem Behindertenklo, deswegen war das ok.
Als ich rauskam hatte ich dann ein geöffnetes Bier in der Hand, allerdings mit falschem Etikett. Die verbotene Flasche brannte wie Feuer in meiner Hand und sie leuchtete und alle sahen mich seltsam an, als ob irgendwas mit mir nicht stimmen würde, aber sie wüssten nicht was.  Ich hielt das Bier mit beiden Händen fest, um die verräterischen Etiketten zu verbergen und es war so, als ob das Bier nun nicht nur leuchten, sondern auch noch leise summen und brummen würde. Ich drückte die Hände fest um den hals des Bieres, um es zu würgen und das Summen zu beenden, aber das Bier zappelte in meinen Händen, und es zappelte immer mehr, je fester ich zudrückte, aber schließlich hatte ich es geschafft und das Bier war tot. Nun war es eine ganz normale falsche Glasflasche und ich suchte mir einen Sitzplatz.
Leider war fast überhaupt nichts mehr frei, nur noch ein Platz ganz vorne rechts, direkt neben dem Eingang, so dass jeder der hinaus oder hineinging, direkt auf mein Bier mit der falschen Marke sehen konnte. Also klemmt ich die Flasche zwischen meine Beine, damit niemand das Etikett sehen konnte und weil dummerweise die falsche Marke auch auf dem Flaschenhals abgedruckt war, musste ich meine Hände um diesen schlingen und konnte nicht trinken, obwohl ich mir in diesem Moment nichts dringender wünschte, als das. Aber der Beginn der Vorführung verzögerte sich, weil wegen der vielen Menschen noch zusätzliche Stühle reingestellt wurden und zwar einer genau neben mich und auf diesen setzte sich die Veranstalterin.
Ich fürchtete um mein Leben, aber dann wurde es dunkel und der Film ging los und ich konnte endlich mein Bier trinken und es war sehr lecker.
Gestern war ich auf einer Geburtstagsparty und habe die Geschichte von dem kleinen Bier erzählt und da stellte sich heraus, dass eine Frau auch auf dieser Filmpremiere gewesen war, und die war sehr nett und jetzt kommt sie mit auf eine andere Geburtstagsparty am Freitag, weil sich herausstellte, dass die Gastgeberin ihre neue Kollegin beim Fernsehen ist und so ist dann aus meinem asozialen Verhalten eine soziale Interaktion entstanden und das ist doch das Allerwichtigste.

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Published on: September 13, 2017

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2 Responses to Die Geschichte vom kleinen Bier

  1. wordsforthehighhills sagt:

    Danke dafür Ruth! Der Text ist so großartig! Ich habe gelitten mit dem armen kleinen Bier.

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