Die Candy Crush Saga

Sweet! Delicious! Tasty! Wenn das mal jemand im echten Leben zu mir sagen würde. Ich spiele mal wieder Candy Crush. Mir ist alles egal. Bonbons tauschen, Bonbons platzen und der bunte Regen fällt. Candy Crush Soda. Limonade steigt. Deine Mutter kauft sich Leben bei Candy Crush. Entferne das gesamte Gelee. Ja so ist das Erwachsenenleben. Es geht nicht mehr vorwärts. Die ganze Zeit ist man nur noch mit dem Sortieren und Aufräumen des Chaos beschäftigt, in das man sich mit Anfang 40 so hineingelebt hat. Bis 40 kocht man die Suppe, danach muss man sie auslöffeln. Wenigstens stehen einem zum Geleeentfernen massenweise Bonbons zur Verfügung, abnders als im echten Leben.

Bei Candy Crush ist es wurscht, ob man arm oder reich ist, vor Candy Crush sind alle gleich. Das Gelee muss weg, dann kommt man ins nächste Level und da muss auch wieder das Gelee weg. Da hätte man doch auch gleich im alten Level bleiben können. Aber so ist das Leben eben. Es gibt immer neue Level und immer neues Gelee.  Vor langer Zeit habe ich andere Sachen gespielt. Ein Neandertaler musste Steine schleppen, auf so einem kleinen Device. Ich konnte ihn schweben lassen, in Millimillimillisekunden den gefährlichen Spinnen ausweichen. Alle 7000 Punkte ein neues Leben. Ich drang in die Tiefen der Zeit ein. Winzigste Zeiteinheiten wurden mir Ewigkeiten, so schnell drückte ich die Knöpfe. Die Knöpfe verschmolzen mit meinen Daumen, wurden wie Gummi, meine Daumen auch. Der Kopf auch. Keine Gedanken mehr. Doch, Gedanken doch. Aber auf einer viel tieferen Ebene. In der oberen Etage ging es um die Spinnen und die Steine und tief unten rauschte mein Bewusstsein vor sich hin, Kindheit und Pubertät. alles was ich je gesehen, erlebt, gefühlt, gedacht habe, schwappte dort herum, unbehelligt vom Über Ich. das Über- Ich schleppte Steine.

Durchgespielt hab ich das. Highscore 999999. Ab einer Million sprang die Anzeige wieder auf Null um. Game over. Ich habe mit Tetris weitergemacht. Häuser fielen vom Himmel in Baulücken, Autos in Parklücken. Lücken in Lücken. Sortieren, alles drehen, schnell schnell schnell. Die Musik, russisch und traurig. Der Mauerfall, Berlin in den 90ern, das verlorene Paradies. Millionen Menschen spielten Tetris und versuchten, die Mauer wieder aufzubauen. aber je besser sie bauten, desto mehr schrumpfte die Mauer.

Dann kam Pac Man in mein Leben. Die kapitalistische Gier. Exotische Früchte fressen und dabei von Geistern gejagt werden. Jedes neue Level überraschend anders. Aber keine Zeit, sich lange umzuschauen. Du bist neu im Labyrinth und musst sofort losrennen. Wie scharf ich die Kurven genommen habe. Irgendwann blieb ich im ersten Level immer stecken, weil ich noch die Schnelligkeit von Level 55 in den Fingern hatte. Erst ab Level 55 machte PacMan Spaß. Noch nie war ich so weit weg vom Erdboden, wie in den hohen Pacman- Leveln. Ich war ganz allein dort und niemand wusste, wo ich war. Ich kam zurück, am ganzen Körper vibrierend, im Alltag hatte ich für nichts mehr Geduld, damals fing ich an, die Langsamkeit zu hassen.

Ihr müsst hinnemachen, Leute! Schneller denken, schneller reagieren, nicht so viel grübeln, nicht immer Bedenken haben. Sonst werdet ihr gefressen und das zu Recht. Und das schöne Obst ist auch weg. Langsame Menschen, ich ertrage euch nicht.

Langsame Menschen, ich polier euch die Fresse.

Ich habe mal gelesen, wenn man traumatisiert wurde und spielt direkt danach tagelang Tetris, dann schreibt sich die Erinnerung nicht so ins Gehirn ein und man wird nicht so tief traumatisiert, wie ohne Tetris.

Vielleicht bin ich deswegen immer so gut gelaunt.

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Published on: September 27, 2017

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4 Responses to Die Candy Crush Saga

  1. Elisa sagt:

    Wow, Hut ab, Frau Ruth!

  2. Elisa sagt:

    …und damit meine ich nicht ihre Highscores, sondern ihren Text…

  3. Hans-Peter sagt:

    WAS FÜR EIN TEXT!

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