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Diavorträge für Ossis

Ehe ich abends allein zu Hause rumsitze, kann ich ja auch auf diese Geburtstagsparty gehen. Ich dachte, hey, es gibt Trinken umsonst und Essen und ich habe nichts im Kühlschrank und ich fahre einfach mit dem Taxi hin und so schlimm wirds schon nicht sein.

Ein alter grauer gebeugter Mann stand mit mir im Fahrstuhl, in der Hand hielt er eine Flasche, die war in schmutziges Papier eingerollt. Ich dachte, oh Gott bitte mach, dass er nicht auch auf die Party will, aber so war es natürlich. Im Fahrstuhlspiegel sah ich, wie gut ich aussah und deswegen vermied ich es, ihn anzusehen, denn er war so alt und so grau und ich wollte nicht, dass er mich ansieht und schön findet oder irgendsowas, ich wollte in seinem Universum auf gar keinen Fall vorkommen. Als wir in der Wohnung waren, wurde ich ihm vorgestellt und er hieß natürlich wie er aussah, nämlich Jörn.

In der Küche saßen zwei Leute und Jörn und dann war da noch das Geburtstagskind, es sah aus, als wäre es gerade aufgestanden und hätte im Schlaf geheult und ich gratulierte ihm zum Geburtstag und umarmte es und ich war neidisch, denn ich bin auch so unglücklich, aber sie lebt allein und hat keine Kinder und deswegen ist sie frei, sie kann sich einfach so umbringen, wenn ihr der Sinn danach steht.

Ich aber muss weiterleben, wegen der Kinder und meinen vielen Freunden und meinen Fans und deswegen muss ich alt werden. Ich will aber nicht alt werden. Ich habe Angst, alt zu werden und nicht alles geschafft zu haben, was ich schaffen wollte und da will ich lieber gleich sterben und gar nichts mehr schaffen. Aber ich darf ja nicht.

Ich gehe in die Küche und mache mir ein Bier auf. Aber in der Küche sind ja die Leute und wegen der Leute, will ich aus der Küche raus und gehe ins Zimmer rüber aber da ist niemand und es läuft Musik und zwar ganz leise “The first cut is the deepest”. Genau so ist es, denke ich und gehe in die Küche zurück. Mir fällt ein, dass ich Hunger habe und deswegen checke ich das Buffet. Es gibt 5 Näpfe mit Pasten. Rote, weiße, braune und und hellbraune.

Und Oliven. Ich lege mir drei Oliven auf den Teller. Ich esse die Oliven. Ich trinke Bier, ich esse Oliven, ich will noch mehr Oliven, aber jetzt hat sich Jörn an die Ablage gelehnt und sein Arsch hängt über dem Olivennapf, also ich will jetzt keine Oliven mehr.

Ich setze mich hin und trinke Bier und lausche dem Gespräch von den zwei Leuten am Küchentisch. Die Frau hat eine schöne hohe und klare Stimme und deswegen kann ich gut verstehen was sie sagt.

Ok und sie sagt, die Bürgermeister im Osten müssten den Ossis nur Filme und Diavorträge in den Rathaussälen zeigen, von zermetzelten syrischen Kindern und Bombenkratern und blutenden Kriegsopfern. Wenn die Ossis das sehen würden, dann wären sie nicht so aggro zu den Flüchtlingen und dann würden die Flüchtlinge die Ossis nicht mehr mit Messern stechen, aber leider sei die AfD schon so stark im Osten, desegen wäre das schwierig mit den Diavorträgen, das hätte man schon früher machen müssen  denn die neuen Rechten die seien nämlich sogar intelligent und nicht so dumpf wie die Rechten früher und ich dachte, Bitch, die neuen Rechten sind schlauer als du, weil jeder schlauer ist als du und ich trank weiter Bier und dann sagte sie, früher hätten WIR immer gedacht, das Internet sei links und WIR hättenzu spät gemerkt, dass die Rechten frecherweise unser Internet vollschreiben und dagegen müssten WIR ankämpfen und ich bekam eine solche Lust irgendwas super Rechtes zu sagen, aber ich dachte mir, halt die Fresse und hör einfach zu, vielleicht kannst du was davon lernen. Und dann sagte sie, sie will die Rechten mit ihren eigenen Waffen schlagen und eine schlagende Verbindung für Frauen gründen und sie kicherte und sagte, ich sei herzlich eingeladen zur Gründungssitzung in den Keller vom Rathaus Reinickendorf zu kommen, sie wolle sowas machen wie die Sprengnagel in Wien und ich stellte mir so einen Haufen kichernde Weiber in Uniform vor und so ein Geruch nach Weiberschweiß und Weißweinschorle und dann denken die sich ironische Aktionen gegen Rechts aus und pinseln ironische Plakate und versuchen witziger als die Identitären zu sein und ich sagte, ich kann nicht kommen, da hat mein Sohn Geburtstag, dabei hatte sie das Datum noch gar nicht gesagt.

Ich fragte, ob da wirklich keine Männer kommen dürfen und sie sagte nein und ich sagte, aber was ist mit Transgender. Ja ja, die dürften kommen. Und was ist mit Männern, die gerne Frauenklamotten tragen. Ja, die dürften vielleicht auch kommen. Jeder der sich als Frau definiert dürfte mitmachen und ich fragte sie wie sie das überprüfen wollte, ob die das nicht nur behaupten. Es gibt ja vielleicht auch Männer, die sich als Frau definieren und sich aber nicht trauen, Frauenklamotten anzuziehen. Es gibt ja zum Beispiel auch Frauen, die Hosen tragen und flache Schuhe, also Frauen, die sozusagen Männerklamotten anziehen und sich aber trotzdem als Frau definieren, wenn man jetzt also ein Mann ist, der sich als Frau definiert, aber als eine Frau, die lieber Hemden und Hosen trägt, als Lippenstift und Pumps und tuntige Kleidchen.

Sie war jetzt etwas genervt, sie blieb aber nett und sie meinte, sie würden es schon merken, wenn ein Mann zu männlich sei und der dürfte dann nicht mitmachen. Ich hätte dann gern noch gefragt, ob sie es nicht diskriminierend findet, dass Männer nicht bei ironischen Aktionen gegen Rechts mitmachen dürfen, aber dann wechselte sich das Gesprächsthema und es ging um diesen Skandal mit dem Deutschen Fernsehpreis, dass die da die Autoren nicht eingeladen haben, obwohl doch ohne die Autoren die deutschen Fernsehfilme gar nicht erst entstehen könnten, und wie schlimm und respektlos sich die deutsche Fernsehwelt den Autoren gegenüber verhalten würde und ich war dann am Tiefpunkt angekommen und sagte, niemand interessiere sich für Fernsehfilmautoren und die sollten sich was schämen, dass sie diesen mediokren Dreck zusammengeschrieben haben, was deutsche Fernsehfilme nun mal sind und wie sie sich überhaupt erdreisten könnten, auch noch extra zu einer Preisverleihung für diesen Unsinn eingeladen werden zu wollen, denn ich müsse keinen deutschen Fernseh- oder Kinofilm mehr sehen, weil das toxisches Material sei und wenn ich irgendeinen deutschen Fernsehautoren in die Finger bekäme, würde ich ihm die Fresse polieren.

Es war nun etwas still im Raum. Ich sagte dann, ich müsste gehen, weil mein Sohn Geburtstag hat und am nächsten Abend war ich auf einer anderen Party und da sagten sie zu mir: Ruuuth, du bist so geil, du bist so süß, so sympathisch und sooo cool und ich sagte, hey danke, was soll ich dazu sagen, ich kann dazu nichts sagen, das ist wie, als wenn ich dich für deine Mütze loben würde. Du hast sie halt gekauft und jetzt hast du sie auf dem Kopf. Du kannst ja nichts dafür. Du hast jetzt einfach diese Mütze auf. Und ich bin eben einfach so geil. Ja so bin ich eben. Murat fragte mich wie alt ich bin und ich sagte 56 und er sagte WHAT?, du siehst aus wie 50! und dann gingen wir aufs Klo und fickten und als wir wieder rauskamen, habe ich mit einem Enzo rumgeknutscht und dann kam ein Louis an und streichelte mich und er sagte, sorry, ich hab ne Freundin, aber bin gerade so touchy und dann kam wieder Murat und und umarmte mich und sagte, oooh Ruth du bist so toll und dann legte Enzo den Arm um mich und Louis  auch und so habe ich mich dann irgendwann insgesamt doch wieder ganz wohl gefühlt.

 

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