Der Stein im Pudding

Es war 18 Uhr und er hatte sich eine Flasche Rotwein aufgemacht. Nach den ersten beiden Gläsern wurde ihm warm, nach dem dritten wurde er hungrig. Er ging in die Küche und fand noch etwas Käse im Kühlschrank. Bumm! Er zuckte zusammen. Der fette Nachbar aus dem Erdgeschoss im Nebenhaus, schoss mit seinem Sohn Raketen ab. Auf dem Hof!

An diesem Silvesterabend wurde ihm wieder bewusst, dass er es auch im vergangenen Jahr noch nicht geschafft hatte, sich mit einem reichen und schönen Pärchen mit Dachterrasse anzufreunden, mit denen und deren interessanten Bekannten er den heutigen Abend verbringen könnte.

Mit seinen Freunden war nichts los. Aglaja sagte, dass Jahr wäre anstrengend gewesen und sie würde zu ihrem Ex gehen. Dort, im dritten Hinterhof, würden sie ganz gemütlich zu zweit eine Flasche Crémant trinken.

Beate hatte ihn mit müder Stimme zum Raclette- Essen eingeladen. Frank könne sich nicht bewegen, weil er Hexenschuss habe und sie müsste nun alles allein machen, die Einkäufe und die Schnippelei fürs Raclette. Ob er vielleicht helfen könne?

Er würde es sich überlegen, hatte er gesagt und eine halbe Stunde später die Absage per SMS geschickt. Es war wegen der Kinder. Er hatte keine und wollte auch keine sehen. Schon gar nicht zu Silvester. Rauchen konnte man dort nur auf dem Balkon. Außerdem tranken Beate und Frank keinen Alkohol und er würde den Supermarktrosé allein trinken müssen.

Ilona wollte ihn mit zu Freunden aufs Land nehmen. Ein Filmcutterehepaar plante dort, Hühnchen in Salzkruste zuzubereiten. Ilona hatte selber keine Lust darauf und würde nur hinfahren, wenn er mitkäme. Er wollte aber nicht.

„Ich bleibe auch in Berlin.“ hatte ihm Ilona wenig später gesimst, mit drei Ausrufezeichen, er hatte aber nicht darauf geantwortet.

Er wusste nicht, was sie von ihm erwartete. Einen Silvesterplan? Er hatte keinen.

Er wurde müde und ging ins Internet. Jahresrückblicke lesen. Schmerzlich wurde ihm bewusst, dass man ihn in keinem erwähnt hatte. Dabei hatte er ein Buch geschrieben. Es war untergegangen wie ein Stein im Pudding. Weil nichts zur Flüchtlingskrise darin stand. Es gelang ihm nie, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Als er endlich etwas zum Thema Flüchtlinge geschrieben hatte, wollte es keiner drucken, weil inzwischen alle anderen auch schon etwas dazu gemacht hatten.

Er war zu spät, wie immer zu spät. Nicht mal bei der großen Zukunftsumfrage im Freitag hatten sie ihn mitmachen lassen. Bitter knabberte er an der Käserinde.

Was sollte er tun? Sollte er sich im nächsten Jahr endlich an einem Literaturwettbewerb beteiligen? Nein, dafür fühlte er sich noch zu jung.

Er hatte noch eine Rakete von Silvester vom letzten Jahr übrig. Eigentlich hatte er die um Mitternacht auf der Dachterrasse von den Reichen und Schönen  abschießen wollen.

Der Rotwein war leer. Er akzeptierte sein Schicksal.

Um 19 Uhr ging er mit der Rakete vors Haus, schoss sie ab und wünschte sich selber ein frohes neues Jahr.

Dann ging er nach oben und rief Ilona an.

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Published on: Dezember 31, 2015

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