Der Schreibkreis tagt nachts – Oder: Falsch formatierte Träume

Heute waren sie vollzählig zu viert. Wieder an diesem merkwürdigem Ort, allerdings fehlte der seltsame Kellner und Weihnachtsdekoration störte die Arbeitsatmosphäre. Welche dann auch nur schwer aufkommen wollte. Zuerst hatte Jutta die geniale Idee eine Bio- Pelzfarm zu eröffnen, wo sie Nerze artgerecht halten wollte, um sie dann artgerecht zu schlachten und aus ihnen Pelzmäntel nähen zu lassen, welche sie dann für 35.000 Euro Minimum verscherbeln wollte. Warum gibt es das eigentlich noch nicht?

Und darf man zum Beispiel Vintage Pelz tragen?

Da ist das Tier doch schon lange tot. Ja, aber Tierschützer argumentieren, alte Pelze würden die Nachfrage nach neuen Pelzen ankurbeln. Dann sollen sich die Leute, die wegen schicken alten Pelzen von anderen Leuten, Pelz tragen wollen, sich eben auch alte Pelze kaufen, meinte Jutta, sonst hängen die alten Pelze nur im Schrank und dann kommen die Motten und dann müsse man sich doch einen neuen Pelz kaufen.

Man könnte sich diese Argumentationskette ja ans Revers hängen, meinte Liliane und Jutta fantasierte von Pelzmänteln und teuren Uhren und Glitzer und Luxus und bestellte sich einen Wodka Lemon und dann ging es los.

Pia hatte vier Träume aufgeschrieben.

Träume voller Mordfantasien und Schuldgefühle.

Die drei anderen gaben zu, dass sie erst keine Lust hatten, dass zu lesen. Träume sind nichts Echtes, Träume sind Schäume, wozu soll man das lesen? Aber Pia hatte eine wirklich bemerkenswerte Phantasie und mit Mordgedanken und Schuldgefühlen plagt sich ja jedes moderne Menschlein herum, insofern hatte sie einen Nerv getroffen. Der Schreibkreis diskutierte, wo man im Zweifelsfalle Auftragsmörder rekrutieren könne und welche Kosten da im Fall der Fälle, auf einen zukämen.

Pia wurde einhellig darauf hingewiesen, ihren Text das nächste Mal besser zu formatieren, bezüglich Buchstabengröße und Zeilenabstand! Pia lächelte und sagte, das hättet ihr doch selber machen können.

„Nee,“ meinte Jutta, „weißt du, wieviele Texte ich täglich auf meinen Schreibtisch bekomme?“

Zitierte sie ein altbekanntes Argument von Filmproduzenten, Lektoren und anderen Entscheidern, die auf Einhaltung von Formatierungsvorgaben pochen. Bei uns im Schreibkreis ist alles freundlich und gemütlich, aber in der harten Welt da draußen, müssen Texte gut formatiert werden, für leichte Lesbarkeit. Basta.

Wer war dann dran?

Jutta.

Jutta hatte mit Absicht einen weniger durchgearbeiteten Text abgegeben, weil sie der ewigen Perfektion müde war. Dies führte auch gleich zu der Kritik, dass der Text nicht durchgearbeitet sei. In Teilen witzig und amüsant, ja, aber Anna wünschte sich einen höheren Abstraktionsgrad und mehr Zuspitzung, Verdichtung, Herstellung von Bezügen und Sinnhaftigkeit. Jutta hatte ja einfach nur eine Anekdotensammlung abgegeben, die entgegen Juttas Hoffnung, zusammengenommen eben doch keinen Sinn ergaben. Jutta nickte, sie wusste das ja selber, aber sie war eben auch erpicht auf ein wenig Kritik gewesen und wollte sich ein bisschen schubsen lassen und das hatte sie nun davon.

Lilianes Text enthielt das Thema ihres Romans,

allerdings äußerten die anderen drei Zweifel, an der Tragfähigkeit ihrer Erzählperspektive.

Auch ging es wieder darum, was und wieviel man über andere schreiben darf. Pia stellte fest, dass man eigentlich alles über andere schreiben darf, weil sich sowieso alle beleidigt fühlen, wenn man über sie schreibt und zwar besonders, wenn sie sich falsch dargestellt fühlen. Jutta meinte, die Leute sollten eher davor Angst haben, richtig dargestellt zu werden, aber das komme ja so gut wie nie vor.

Alle fühlen sich immer falsch dargestellt, also könne man über andere sowieso schreiben, was man wolle.

Anna hatte einen Auszug,

ihres schon in groben Zügen in Entwicklung befindlichen Romans zur Debatte gestellt. Wie immer makellos in Sound und Stil. Kaum zu glauben, dass Anna diesen Text in nur zwei Stunden geschrieben hatte. Sollte sie jemals fertig werden, dann könnten die anderen einpacken. Anna fragte, ob sie den Sound durchhalten dürfe, obwohl die anderen Figuren in ihrem Roman einen anderen Sound hätten. Oder müssten alle Figuren im gleichen Stil beschrieben sein? Nein, urteilte der Schreibkreis.

Hier endet der offizielle Teil des Abends. Alles andere wird nur gegen Bezahlung preisgegeben werden.

Gute Nacht.

 

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Published on: Dezember 16, 2015

Filed Under: Schreibkreis Nordost

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