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Der Lebensstil des Intellektuellen

Viele glauben, sie wüssten, wie es ist, das Schriftstellerleben. Erstens mal schläft so einer aus. (Stimmt.) Dann Konsum diverser Drogen. (no comment.) Dann so Brille hochschieben und Nasenwurzel pressen, Blick aus dem Fenster über die Altstadt, und dann wie wild in die alte Schreibmaschine hämmern, dass die Blätter nur so fliegen. Schreibtisch schwarz wie Ebenholz. Um 23 Uhr leichtes Mittagessen und Rotwein. Abendsnachts intellektuelle Gespräche. (Sowas gibts praktisch gar nicht mehr, man hat ja kein Gegenüber)

In Wirklichkeit ist es aber so:

Erstmal Rummikub als Facebookapp bis früh um halb fünf. Andauernd verlieren. Die Idee, die Joker nicht auszuspielen, führte nur die ersten 1000 Mal zum Sieg.

Dann komische Träume. Irgendwas mit die S- Bahn kommt nicht und dann fährt der Bahnhof los. Dann das Administrative:

Ich schicke einen Artikel weg. Die haben schon öfter was von mir genommen. Bekomme keine Antwort. Nachhaken wäre unfein. Vielleicht kommt ja noch was. Wahrscheinlich nicht. Auf meinen Artikel gibt es eine Mail. Im Prinzip super. Mach noch was am Schluss. Mach ich und schicke den geänderten Artikel wieder weg.

Keine Antwort mehr.

Schicke einen anderen Artikel woandershin und noch einen dazu. Antwort: Brauchen den Artikel nicht, haben jetzt andere Themen und wenn ich das nächste Mal was schicke, dann bitte nur einen Text pro Mail, sie können nicht alles lesen. Kriege ich Wut und schreibe zurück, dass ich sowieso nichts mehr an die schicken werde.

Kriege von woanders eine nette und höfliche Anfrage, was zu schreiben. Ganz viel, ganz schnell und kein Honorar. Ich mach das, weil man weiß ja nie. Also ich will das machen, komm aber nicht zu Potte.

Schicke ich einen anderen Artikel woandershin und kommt wieder gar keine Antwort.

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Briefe nur noch im Rundumschlag

Niemand liest was und niemand will was und niemand nimmt was und niemand gibt was. Muss ich doch woanders anfangen. Alle machen immer noch was anderes. Die Geilen machen Fotos oder Regie, die Ungeilen Callcenter. Die Geilen machen Redaktion oder Lektorat, die Ungeilen machen Postbote oder Kellner.

Mach ich aber lieber noch mal Rummikub. Dann sortiere ich meine Bücher nach Farbe, kämme mir die Haare, lackiere mir die Zehennägel und creme mir die Hände kaputt.

Positives Ende

Schick und schön werde ich dann auf eine Party mitgenommen. Da stehen sie alle rum, die Nichtantworter und wollen mit mir reden, weil ich so einen kurzen Rock anhabe. Ich lasse mir nichts anmerken und sage nur so oft und so langsam wie möglich meinen Namen. Damit sie sich den merken. Irgendwer will irgendwann mit mir Wein trinken gehen. Zu Hause schalte ich das WLAN ab, (alter Menschheitstraum), lege mich aufs Sofa und lese ein Buch. Ich schicke keine Mails mehr und wenn jemand mich erreichen will, dann muss er dreimal kurz hintereinander klingeln, sonst mache ich nicht auf, wenn ich nicht da bin.

2 Gedanken zu „Der Lebensstil des Intellektuellen

  1. yup,
    das ist aber ein schöner text.
    ich dachte mir, ich schreib dir mal zurück.
    von mir bekommst du kein geld, aber eine antwort.
    bei uns in der werbung hieß es immer, für die grafiker ist der text immer ein grauwert. meist zuviel, und es liest ihn eh keiner. macht nix. aber ich hab zumindest immer ein geld dafür bekommen. die reine werbelehre besagt: du brauchst immer einen mehrwert. wer kauft schon eine waschmaschine? du kaufst die grüne wiese, die flüsterleise stille, die ergebenheit deines mannes. mach doch folgendes: schick bei jedem text deine beine mit. die mit dem kurzen minirock. und deinen namen. und den text natürlich. bei den stehpartys sagen die dann immer, ach, das ist die mit den beinen. wahrheit gepaart mit ironie ist eine doppelmühle. kannst auf beiden seiten zumachen und gewinnst immer. merke: trieb schlägt gutmensch. wir sind alle neandertaler. leicht intelektuell erhöht, aber neandertaler. und fleischfresser.

    schreib schön weiter.

    schönen tag

    //ali

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