Definiere Deutschland 

Ich war ein paar Tage auf dem Lande. Unser Haus steht ganz allein und wir sind dann einmal durch den Wald ins nächste Dorf gelaufen, Eis essen. Wenn man dann nach einer Stunde aus dem Wald herauskommt und die Dorfstraße betritt, hat man erst einmal Angst.  Ich mag das ja nicht so gerne im Dorf, wenn die Schäferhunde hinter den Zäunen hin und her rennen und bellen. Ich kann nicht verstehen, warum sie nicht einfach über den Zaun springen und beißen, wenn die Anwesenheit von Menschen auf der Straße sie so in Rage bringt. Aber keiner bellte und die ersten drei Häuser fand ich noch süß. Der gestutzte Rasen. Die gestutzten Hecken. Die Sitzgruppen aus braunem Plastik. Die Deutschlandfahnen. Klar. Wir sind Halbfinale. Die deutsche Mannschaft kann jede Unterstützung gebrauchen. Beziehungsweise: das Deutschsein kann jede Unterstützung gebrauchen. Anders gehts ja nicht. Anders dürfen wir ja nicht mehr. An jedem, wirklich jedem Gartentor im Dorf hing so ein Schild mit Hundekopf. 

Ich brauche fünf Sekunden bis zum Tor und du?
Hier wache ich.
Achtung, bissiger Hund!
Ich überlegte, Fotos zu machen.
Diese Zaungärten und die Spitzengardinenhäuser und die venezianischen Masken auf den Fensterbrettern schreien ja geradezu nach nüchterner deutscher Fotokunst.
Die Zwerge und die Mäuerchen und die Fahnen, die sollen ja ein Bild abgeben. Aber was ist los mit den Leuten? Warum können die nicht einfach vor sich hin leben, warum können die nichts undekoriert lassen?
Noch schlimmer sind Leute, die nichts unkommentiert lassen, wie der deutsche Rentner, der hinter mir an der Kasse im polnischen Supermarkt stand.
Der Verkäufer schaute sich die Gebäckstücke an, die ich erwerben wollte und sagte: „Nzdrkwysczykwatschi?“
Der Rentner sagte: „Er weiß nicht, was sie kosten.“
Ich sagte zum Verkäufer: „Ich weiß nicht, was die Rosinenschnecken kosten.“
Der Rentner sagte: „Er weiß es nicht und sie weiß es nicht.“
Der Verkäufer schaute auf einen Preiszettel und tippte einen Preis ein.
„Jetzt weiß ers.“ sagte der Rentner.
Dann wollte ich noch eine Stange Marabou Gold kaufen. Der Verkäufer schaute hilflos.
„Die sind wohl alle.“ sagte der Rentner.
Der Verkäufer drückte auf die Klingel.
„Jetzt muss er den Chef rufen.“ sagte der Rentner.
Es dauerte ein bißchen, bis jemand kam. Der Rentner sagte:
„Dauert n bißchen.“
Ich schaute einfach in die Luft und atmete.
Dann kam eine Frau in weißem Kittel, öffnete verschiedene Schubladen und legte dem Verkäufer diverse Marabou Gold Schachteln hin.
„Gibt doch noch welche.“ sagte der Rentner. Aber ist doch auch was Schönes, so eine Beobachtungsgabe.
Ist doch besser, als so total abgestumpft zu sein.
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Published on: Juli 8, 2016

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