Ruth Herzberg, das rebellische Genie

Deutsch ist die Sprache in der ich denken gelernt habe. Egal, ob ich Französisch oder Englisch oder Russisch spreche. Ich werde immer auf deutsch träumen. Deutsch ist die Sprache der Poesie. Mein Herz schlägt deutsch. Mein Haus steht in der Schönhauser Allee. Dies ist einer der Orte, an dem das Herz Berlins schlägt. Mitten im Prenzlauer Berg. Hier hat ein Krieg stattgefunden. Unweit von hier stand die Mauer. Das Herz der Stadt wurde durchtrennt. Familien wurden auseinandergerissen. Die Menschen haben sich lange Zeit in einer Diktatur eingerichtet. Hier entstand große Kunst. Adolf Endler und Käthe Kollwitz haben hier gelebt. Heinrich Zille und Lothar Trolle erschufen hier ihre Werke. In der Schönhauser Allee spielte sich die große Welt im Mikroformat ab. Große Armut und Reichtum existieren hier bis heute. Obdachlose betteln vorm Rewe, während die Neubürger in der Tiefgarage ihre SUVs parken. Kinder gab es hier immer viele. Früher lebten sie zu zehnt in kleinen beengten Wohnungen auf dem dritten Hinterhof, heute im Dachgeschoss mit Fußbodenheizung und umlaufender Terrasse. Hier lebe und arbeite ich. Dieser Ort bedeutet mir sehr viel. Meine Kunst entstammt aus dieser Gegend. Ich habe den Prenzlauer Berg in meiner DNA. Wenn ich schreibe, dann bin ich lediglich ein Medium, ein Gefäß. Ich schreibe so, wie es Goethe tun würde, wenn er heute noch leben würde. Ich versuche zu zeigen, wie ich die Welt wahrnehme. Ich nehme Vieles wahr. Wie sich ein Blatt im Herbst verfärbt, wie ein Stück Eierschale auf dem massiven Eichenholz unseres Esstischs liegt und wie sie einen Schatten wirft, weil die Morgensonne im schrägen Winkel durch die halbgeschlossenen Vorhänge fällt. Draußen rauscht ein LKW vorbei. Ich spüre, wie das Profil seiner Reifen sich durch eine Pfütze auf dem kochendheißen Asphalt pflügt. Ein Betrunkener randaliert nachts. Seine Schreie klingen untröstlich. Ich nehme einen faulen Apfel aus der Schreibtischschublade und werfe damit nach ihm. Wenn ich schreibe, denke ich an nichts. Ich lasse die Worte durch mich hindurchfließen. Die Sätze entstehen vor meinen Augen auf dem Papier. Ich wohne in einem Haus. Das Haus ist sehr wichtig für mich. Puschkin, Burroughs und Lottmann lebten in Häusern. Ich bin ein Mensch. Menschen bestehen aus menschlichen und animalischen Anteilen. Auch das bedeutet es, Kunst zu erschaffen. Das Animalische in uns nicht zu besiegen, sondern zu zeigen.  Als Kind balancierten wir träumerisch zwischen den Welten. Meine Kindheit war sehr wichtig für mich. Meine Kindheit bedeutet mir alles. Als Kind habe ich von meiner Mutter alles Wichtige gelernt. Ich lernte zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Meine Mutter hat mich immer unterstützt, egal was ich tun wollte. Ich glaube an dich, du bist die Beste, hat sie immer zu mir gesagt. Jeder Mensch hat seine ganz besondere Begabung und hat Möglichkeiten, seine innere Mission zu erfüllen. Wenn ich schreibe, erfüllt sich meine Bestimmung.

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Published on: Juli 12, 2017

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