Das Meer rauscht

Man lebt sich so auseinander. Mit der einen Freundin habe ich Schluss gemacht, als ich feiern gehen wollte, bzw. mögliche Partner kennenlernen und sie aber mit mir Rotwein auf dem Balkon trinken. Zu zweit und nicht mal mit kiffen. Kiffen vertrug sie nicht. Sie machte es nämlich trotzdem manchmal, um cool zu sein und dann bekam sie nur rote Augen und guckte komisch und sonst gar nichts. Ich habe Kiffen damals noch ganz gut vertragen und war auch immer erpicht darauf. Eine andere Freundin von mir hat Ewigkeiten gebraucht, um den Joint zu bauen, weil sie dazwischen immer so viel gequatscht hat. Das fand ich nicht ok von ihr, aber ich konnte nichts sagen, denn sie hatte immer Zeug und ich nicht. Sie hielt die Blättchen in der Hand, um sie zusammenzukleben, tat es aber nicht. Sie erzählte Sachen. Dann in der einen Hand das Piece und in der anderen das Feuerzeug, kokelte sie das Piece aber nicht an. Sie erzählte Sachen. Dann als Tabak, Piece, Filter und Papier endlich verbunden waren, zündete sie den Joint nicht an. Erzählte Sachen,  zündete ihn an und vergaß ihn, an mich weiter zu geben.

Kann ich heute gar nicht mehr nachvollziehen, dass Kiffen mich mal interessiert hat. Rotwein auf dem Balkon interessiert mich immer noch nicht. Am interessantesten ist zu Hause bleiben und fernsehen, aber richtig fernsehen, kein Netflix. Obwohl ein Typ neulich gesagt hat, „Orange is the new Black“ wäre der Hammer und „Black Mirror“ und „Better call Saul“, aber der Typ hört ja auch Radio Eins, ist nicht bei Facebook und heißt Thomas. Außerdem hat er überhaupt nicht nach meiner Telefonnummer gefragt, obwohl wir einen ganz guten Draht zueinander hatten und nun frage ich mich, ob ich vielleicht nicht mehr so attraktiv bin, wie damals, als ich noch gern gekifft habe.
Eine andere Freundin fragte mich neulich, ob ich Tipps für sie hätte, wo man in Berlin gut bowlen gehen kann. Das fand ich auch nicht ok. So was fragt man doch nicht. Wenn sie bowlen gehen will, kann sie das doch im Internet herausfinden. Ich frage sie doch auch nicht, wie das Wetter morgen wird.
Aber ich würde wegen sowas heutzutage nicht mehr die Freundschaft kündigen, sondern höchstens mal für ein paar Jahre nicht mehr zurückrufen. Man wird milder mit dem Alter. Ich würde ihr vielleicht sogar eine SMS schicken, wenn ich auswandern würde. Ich komme nur deswegen drauf, weil ich neulich eine Bekannte auf der Straße getroffen habe. Wir hatten uns eine Weile nicht gesehen und sie war etwas mit den Nerven runter, weil sie allein mit den Kindern war und ihr Mann so viel am Arbeiten und sie war schon froh, wenn sie nachmittags mal eine auf dem Balkon rauchen konnte, als Höhepunkt des Tages, meinte sie. An Wein trinken oder bowlen gehen,  war gar nicht zu denken, weil einfach ab 21 Uhr so müde und sie dächte ans Auswandern mittlerweile und ich dachte so: Oha! Wegen der politischen Krise gerade, ist sie jetzt rechts geworden? Das fand ich interessant, aber dann stellte sich heraus, nein wegen des schlechten Wetters. Sie wollte einfach in die Sonne ziehen, um dann Rotwein auf der Terrasse trinken zu können und die Kinder sind dann den ganzen Tag draußen, und die Pinien duften und das Meer rauscht und man ist immer wunderschön und attraktiv, weil braungebrannt und gesund ernährt und Telefon hat man auch keins mehr und Internet auch nicht und das wäre doch das schönste Leben überhaupt, wenn man einfach gar nichts mehr mitbekommt.

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Published on: Mai 3, 2017

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2 Responses to Das Meer rauscht

  1. Hallo, ich finde deine Beiträge so beruhigend dahingehend. So selbstverständlich. Das tut gut in unserer Zeit. Es regt zum Nachdenken an. In ganz persönliche Richtungen werden die Gedanken gelenkt. Herzliche Grüße, alles Gute!

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