Das große Spektakel auf dem Tempelhofer See

Es war so schön, ihr hättet hingehen sollen. Anstatt euch von euren Vorurteilen leiten zu lassen, kleinkarierte Nostalgiker, die ihr seid. Um den ganzen Tempelhofer See war eine Tribüne aus purem Gold gebaut, die auf jeden Fall ihr Geld wert war und sei es auch nur für diesen einen Abend. Auf der Tribüne waren Perserteppiche ausgebreitet und es gab frisches Obst und herrlichste Weine, alles umsonst! Nachdem sich die Gäste niedergelassen hatten, begann das Spektakel. Auf Gondeln und Flößen und Karavellen und Katamaranen und Ruderbooten und Kanus und Paddelbooten und Luftmatratzen schaukelten sie auf dem dunkelblau glitzernden See umher und trugen prächtigste Kostüme in allen Farben und allen Formen. Manche trugen auch gar nichts, die schönsten von ihnen nämlich, boten ihre glatte junge Haut dem rosa Berliner Himmel und den schwarzen Berliner Augen dar, einer pisste sogar vor aller Augen ins Wasser, ein warmer goldener Strahl und es war schön. Flüchtlinge! Die hier eine ehrenvolle Aufgabe gefunden hatten. Nämlich die neue Volksbühne Berlin einzuweihen. Sich einmal anders darzustellen und nicht auf ihr Flüchtlingstum reduziert zu werden, sondern auf ihren Körper, auf ihr pures Mensch- Sein. Sie sangen und tanzten in ihren eigenen Sprachen und es gab englische und deutsche Übertitel, so dass auch die Zuschauer lesen konnten, dass ihnen die Sonne viel bedeutet und ein warmer Regentag sie glücklich macht und dass sie gern Schokolade essen und auf eine frohe Zukunft hoffen.

Es war so eine Wärme und so ein Glück, dass sie ausstrahlten und ein jeder musste lächeln und so manche Träne stieg empor und rollte in das laue Wasser des Tempelhofer Sees.

Sie hatten so gut geübt, die Flüchtlinge und sie waren alle unter 30 und ihre Körper glänzten in der goldenen Abendsonne. Die Männer hatten starke Arme und die Frauen stramme Brüste und sie waren hierhergekommen, um das Theater zu retten und uns zu zeigen, wie die Zukunft aussehen könnte, wenn wir nur endlich zusammen kommen würden.

Das Feuerwerk am Ende, dessen Explosionen sich im Tempelhofer See spiegelten, verzauberten ganz Berlin dass am See war, vollends. Keiner verließ den Ort, der danach nicht ein neuer Mensch war.

Aber ich war nicht dabei und bin immer noch, die ich war und habe immer noch all meine Vorurteile und ich kann nicht mehr klar denken, deswegen und als gestern Nacht eine Mücke um mein Ohr sirrte und mich nicht schlafen ließ, sich aber auch nicht fangen ließ und ich wegen ihr nicht schlafen konnte, aber auch nicht richtig wach werden konnte, da nannte ich diese Mücke “Dercon” und schaffte es nicht, sie zu erschlagen, denn mein Herz war zu müde und zu traurig.

Sie war doch so klein und so wendig und wenn ich das Licht einschalten würde, dann würde sie sich vor mir verstecken und wenn ich das Licht wieder ausschalten würde, dann wäre sie wieder da.

Die Mücke hatte einen Vertrag mit dem Berliner Senat und in dem Vertrag stand. Stechen.

Ich schlug um mich und zog mir die Decke über den Kopf, aber die Mücke schaffte es doch, mich zu stechen und sie lebt weiter bei mir im Zimmer und heute Nacht wird sie zu mir zurückkehren.

Wir haben doch mittlerweile alles versucht und nichts fruchtet. Offene Briefe und Petitionen und Analysen und Bitten und Demos und Zeitungsartikel und Radiosendungen und Filme und alles erklärt und noch mal erklärt und sogar die Volksbühne haben wir besetzen lassen, aber er will einfach nicht gehen.

Jetzt haben sie die Besetzer auf die Wiese vors Haus vertrieben, oder sie haben sich vertreiben lassen, weil sie nicht schlau genug waren und sich mit dem Strohhalm nicht abspeisen lassen wollten, oder sich überschätzt haben, oder weil sie eben nur auf die Wiese vors Haus gehören.

Und da stehen sie nun, wie abgewiesene Liebhaber, die vor dem erleuchteten Fenster ihrer Ex warten, damit sie ihn wieder reinlässt und sie musizieren dort und halten Reden, schon seit Tagen, aber die lässt sie nicht mehr rein und um das Theater herum stehen Hamburger Gitter.

Was für eine Schande. Hat man je so etwas gesehen: Gitter um ein leeres Theater. Als wäre es radioaktiv verstrahlt. Drinnen finden “technische Proben” statt, vielleicht sollte man lieber Proben nehmen, diese analysieren und daraufhin die Eingänge des leeren Theaters für immer schließen, wegen Kontaminierung durch Leere.

 

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Published on: Oktober 3, 2017

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2 Responses to Das große Spektakel auf dem Tempelhofer See

  1. Tihana Kljaic sagt:

    du bist echt cool!
    hast du wirklich alle diese Verbrecher morgen bei dir eingeladen?
    wenn ja, die möchte ich mir morgen so richtig anschauen

  2. Ansgar sagt:

    Still ruht er:
    https://www.youtube.com/watch?v=YWARjqRHJDY

    Es macht mich traurig, dass ein Theatermann mit der Polizei kommt. Alles rechtmässig. Aber das tut man nicht. Das ist instinktlos und unanständig von dem Typen. Das macht man nicht in Berlin. Das hätte in Berlin keiner gewagt.
    Die AfD hat es gefordert. Aber wer von ihnen hätte damit gerechnet, dass das passiert. Es ist einfach so unsagbar traurig.

    Eine enttäuschte Liebe zu der Bühne und dieser Stadt.

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