Das Au Pair und Ich

Wir sind jetzt zusammen, der reiche Mann und ich. Ich habe es geschafft.

Also das war so. Seine Tochter und meine Tochter sind befreundet. Und als ich Carla dann mal bei ihm abgeholt habe, sind mir fast die Augen aus dem Kopf gefallen. Treppenhaus ganz aus Sichtbeton. Glatt geschliffenem Sichtbeton. Der Fahrstuhl mit goldenem Spiegelglas. Vierte Etage. Dachterrasse. Überall Parkett. Eine Einbauküche vom Feinsten. Metall und gewachstes Holz. Der Esstisch, irgendwas Massives. Eames Chairs all over the Place.

Die Mädchen spielten im Kinderzimmer, meine Tochter wollte nicht nach Hause gehen, seine Frau war beim Yoga und wir haben uns ein Bier geteilt. Nein, das wäre zu schön gewesen.

Kein Bier. Mineralwasser. San Pellegrino. Die hatten einen ganzen Kasten San Pellegrino auf der Dachterrasse stehen. Ich bin ja nicht so der Mineralwasserfan, mich stört das Gepritzel, aber ich habe mich dann auch nicht getraut, ihn um Leitungswasser zu bitten, weil er doch schon das Pellegrino aufgemacht hatte. Wir haben dann so geplaudert, ein bisschen steif, über die Kinder und die Kita und fragt mich nicht, wie, ok, ich verrate nur so viel, es hat was mit Sport machen, Spionagearbeit und Voodoo zu tun, jedenfalls habe ich ihn mir geschnappt.

Am Anfang war es ein bißchen dramatisch, seine Frau ist natürlich durchgedreht, als er ihr von der Sache mit uns beiden erzählt hat. Aber die Wohnung gehört ihm und wir haben ja jetzt das neue Scheidungsrecht, also sie ist dann beinahe sang und klanglos ausgezogen, schade nur, dass sie die schöne Vintage Kommode aus dem Flur mitgenommen hat, aber Simon hat versprochen, dass wir bald eine neue besorgen.

Mein Ex war natürlich auch nicht gerade begeistert, aber er kann in unserer alten Wohnung bleiben, das ist ja auch besser so für unsere Tochter, die jetzt zwischen ihm und uns hin und her pendelt. Klar, es gibt Schwierigkeiten und Streit und Ärger um vergessene Hausaufgaben oder Turnbeutel oder Plüschpferdchen, aber im Großen und Ganzen sind Simon und ich doch jetzt glücklich und das habe ich mir auch verdient, nach dem ganzen Hin und Her.

Es war ja erst mal nicht so einfach, ihn in mich verliebt zu machen, diese wohlhabenden Männer sind immer so berechnend und trinken auch nur mäßig, treiben Sport und arbeiten zu viel.

Die lassen sich ja auch eigentlich nur auf jüngere Frauen ein, oder wollen nur eine Affäre, wenn überhaupt, also ich musste mir ganz schön was einfallen lassen, um ihn rumzukriegen. Aber ich glaube, das habe ich schon erwähnt. Jetzt bin ich also glücklich, ich konnte mich wegen Simon beim Jobcenter abmelden und er hat die Kosten von meinem Schwarzfahr-Prozess übernommen, also wo ich doch mal ohne Berlin Pass erwischt wurde und dann das Ticket nachreichen sollte, an der Jannowitz Brücke und dann aber geglaubt habe, es reicht per Fax, aber dann kam das Inkasso und ich habe diese eine letzte Mahnung nicht bekommen oder nicht aufgemacht, und die mich dann tatsächlich verklagt haben. Das Gericht wollte dann viel Geld und dann noch Gerichtskosten und Prozesskosten und irgendwelche Gebühren, das war so deprimierend, ich war wochenlang down wegen dem Quatsch.

Jedenfalls Simon hat gelächelt und einfach überwiesen und mir eine BVG Jahreskarte gekauft und ein neues Fahrrad. Mein altes Fahrrad stand seit einem Jahr mit platten Reifen auf dem Hof und ich konnte es nicht zum Reparieren bringen, weil ich das unlogisch fand, das zwei platte Reifen und Bremsen nachziehen etc. im Fahrradladen beinahe so viel kosten sollte, wie sich ein neues Gebrauchtes zu kaufen, aber ein neues Gebrauchtes konnte ich mir auch nicht kaufen, weil ich doch ein Fahrrad hatte, das nur neue Reifen bräuchte und mal die Bremsen nachziehen, aber ansonsten noch beinahe tipptopp war. Außer ein bißchen klapprig eben.

Simon hat gelächelt und mir ein Fahrrad bestellt, bei seinem Fahrradhändler, dem Hugo und jetzt habe ich so eins mit Ledergriffen und in schwarz, da klappert gar nichts und das Licht funktioniert und ich kann das auf dem Hof abstellen, auf meinem eigenen Fahrradstellplatz und das ist versichert. Ich habe jetzt auch einen Fahrradhelm, Simon besteht darauf, dass ich einen trage. Ich schreibe auch nicht mehr auf diesem alten rauschenden schwarzen Laptop, der andauernd abgestürzt und eingefroren ist, sondern ich habe jetzt ein Ibook, ich bin fast durchgedreht, als Simon mich damit zu Pfingsten überrascht hat.

Als es Winter wurde, und wir zu meinem Geburtstag ein Wochenende in Rom verbracht haben, hat er mir einen megaschicken grünen Parka mit echtem Wolfspelz an der Kapuze gekauft und Lammfellstiefeletten. Simons Anwalt hat mich auch aus diesem absurden Streit mit dem Jobcenter herausgepaukt, wegen der Betriebskostenabrechnung von 2012, die ich damals zu spät abgegeben habe, weil ich das Guthaben behalten wollte. Außerdem hat Simon mir ein Sparbuch angelegt, eine Rentenversicherung für mich abgeschlossen und mich zu seinem Zahnarzt geschickt.

Er hat dafür gesorgt, dass ich nicht mehr diese Brille benutze, die ich mal auf der Straße gefunden habe und die ungefähr meine Sehstärke hat, sondern er meinte ich soll mich zusammenreißen und zum Optiker gehen und mir ein ordentliches Gestell bei Mykita aussuchen und ihm die Rechnung schicken. Ich fand es eines Tages auch irgendwie nicht mehr angemessen, mir die Spitzen selber zu schneiden und als ich dann vom Frisör kam, hat Simon so gelächelt und genickt und „Na endlich“ gesagt und wir haben dann Champagner auf der Dachterrasse getrunken und so weiter.

Ich soll mich um nichts kümmern, nur noch schreiben, hat Simon gesagt und er sei froh, dass er mir diesen ganzen Existenzkampf ersparen kann. Ich brauche jetzt nicht mehr drei Mal die Woche im Callcenter aufstocken und könnte mich voll und ganz auf meinen Roman konzentrieren. Aber ich kann nicht arbeiten, wenn die Putzfrau da ist. Außerdem macht das Au Pair Mädchen mich nervös. Sie telefoniert manchmal so laut und auf französisch in ihrem Zimmer und ich mag ihre Lache nicht. Sie ist nett und alles, aber mir ist sie doch einen Ticken zu selbstbewusst, muss ich sagen. Andererseits ist es ja gut, wenn sie nicht zu devot ist, aber sie sollte öfter in die Sprachschule gehen und  nicht tagsüber in ihrem Zimmer herum liegen und telefonieren. Sie hat zwar ihr eigenes Bad, aber ich wäre doch gerne öfter allein zu Hause, obwohl man sich bei 300 qm wirklich nicht auf die Füße tritt. Ich will Simon auch nicht damit nerven, dass mir das Au Pair Mädchen auf die Nerven geht. Seine Ex war ja immer sehr launisch, hat Simon gesagt und dass er mich für meine ruhige und besonnene Art liebe.

Ich habe daran gedacht, mir ein Büro zu mieten, andererseits müsste Simon dass auch wieder bezahlen und ich will ihm nicht noch mehr auf der Tasche liegen, als ich es jetzt schon tue. Trotzdem kann ich zu Hause wegen dem Au Pair einfach keine Ruhe zum Schreiben finden. Ich würde Simon gern überzeugen, Aurèlie, so heißt sie, gehen zu lassen, allerdings ist das rechtlich nicht so einfach und sie ist auch eigentlich die Tochter von Freunden von ihm, die zum deutsch lernen ein Jahr in Berlin verbringen soll. Langer Rede kurzer Sinn, ich muss da jetzt durch. Das Au Pair hat ja auch seine Vorteile: Aurèlie geht einkaufen, holt die Kinder aus der Schule ab und geht mir auf die Nerven mit ihrem französischen Akzent. Neulich habe ich mich dabei ertappt, dass ich versucht habe, ihren Kleidungsstil zu imitieren, also Dutt und gestreifter Pulli und dunkelblaue Jacke. Ja, sogar Simons Au Pair ist eleganter als ich. “Unser AuPair” würde Simon mich jetzt verbessern. Ich fühle mich hier immer noch als Gast, obwohl Simon nicht müde wird, zu betonen, wie sehr er mich liebt und das alles was seins ist auch mir gehört, weil wir jetzt ein UNS sind oder so etwas. Manchmal drückt Simon sich etwas geschwollen aus, mein Ex würde darüber lachen. Manchmal habe ich Lust, meinen Ex anzurufen und mich mit ihm über Simon lustig zu machen, aber das wäre auf so vielen Ebenen falsch, dass muss brauche ich hier ja wohl nicht extra zu erklären, oder?

Ich lebe ohnehin gefährlich. Wenn Simon zum Beispiel morgen neben mir im Bett aufwachen würde und ich schlafe noch und er betrachtet mich im Schlaf und sieht, wie mir die Spucke seitlich aus dem Mund rausläuft und wie ich schnarche und er dann plötzlich feststellt, dass er mich nicht mehr liebt, also dass alles ein Irrtum war. Dann wache ich auf und er schaut mich an und sagt: “Sorry, kannst du bitte ausziehen, ich liebe dich nicht mehr und ich will ehrlich zu dir sein, das hast du verdient, du bist so eine tolle Frau und aus Respekt und genau deswegen bin ich jetzt so ehrlich zu dir, also pack bitte sofort deine Sachen und ziehe aus.”

Das wäre so krass, dass das nicht passieren darf und deswegen bin ich immer höflich und sanft zu Simon und versuche mit geschlossenem Mund zu schlafen, wir sind ja auch erst am Anfang unserer Beziehung und Vertrauen muss sich entwickeln. Alle sagen, dass er so süß zu mir ist und es so ernst mit mir zu meinen scheint und er würde sowas niemals tun, mich einfach so bitten, ihn zu verlassen, denn wir gehören zusammen, schon allein wegen dem Induktionsherd und dem Kühlschrank mit der Flügeltür und dem Crushed Ice. Ich mag es auch, wenn wir Essen geben und Gäste haben. Simon kann sehr gut kochen. Mediterrane Küche. Lamm im Ofen mit Gemüse. Fisch. Pasta. Rotwein. Ich mag auch unser Auto. Simon geniert sich beinahe ein bißchen dafür, aber ein Freund hat ihm ein gutes Angebot gemacht, also wir haben so einen schwarzen Mercedes ML, darin sitzt man wie auf Wolken, alles schwebt draußen vorbei und dann fahren wir mit den Kindern an die Ostsee, oder nach Kopenhagen.

Es ist seltsam, früher wollte ich das immer, Reisen, Kurztrips, extra wegen einer Ausstellung nach Venedig fahren oder wegen einer Theateraufführung nach Paris, tja und jetzt habe ich es.

 

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