CoronaDiaryPt8

Krieg und Frieden liest sich ja wie ein sehr teuer produzierter Kostümfilm mit Starbesetzung. 

Man sieht alles ganz genau vor sich. Wie detailliert die Garderobe aller Personen, jede kleine Geste, jeder Blick, jede Veränderung der Mimik bei der Soirée der Annetta Pawlowna Scherer aufgeschrieben worden sind. 

Ich weiß aber nicht, ob ich das noch lange durchhalte, all die nackten Schultern und Ballkleider, die Ironie und das Französisch, das strahlende Lächeln, die Handküsse und die außergewöhnlichen Schönheiten.

In meinen Mails stoße ich auf eine ungelesene von letzter Woche. Von der Schule. Ein Infobrief vom Senat mit “Tipps für Familien” bezüglich des Zu- Hause- Unterrichtens. Da meine Tochter gerade in der Nähe ist, lese ich ihn ihr vor. Wir sind geschockt: Man soll sich morgens den Wecker stellen. Man soll einen Wochenplan machen und eine Aufgabenliste für jeden Tag. Hm.

Wir müssten vielleicht wirklich bald mal anfangen, ein bißchen Mathe zu machen, sage ich. Sie ist einverstanden. Vielleicht sogar schon morgen, versprechen wir einander. Falls wir es schaffen, heute ihren Schreibtisch freizuräumen. 

Wo ich schon dabei bin, lese ich noch mehr Mails von letzter Woche. Eltern aus der Kita bitten die Erzieher um Beschäftigungsideen für die Kinder. 

Hilfe! Welche Lieder sollen sie singen, welche Farbe besprechen, welches Thema bearbeiten?

Es zeigt sich:

Der Mensch ist für die Freiheit nicht gemacht. 

Alle schreien nach Struktur, Anleitung, Führung. 

Aber ich habe Glück:

Meine Nachbarn klatschen nicht abends auf den Balkons, um den Krankenpflegern zu huldigen. Zu den Italienern mag die Klatscherei passen, da denkt man ja immer gleich an La Dolce Vita und so, aber bei Deutschen wirkt sowas doch immer peinlich und faschomäßig. Meine Nachbarn und ich verzichten gemeinsam auf die Verbrüderung, das ist so schön.

Apropos Verbrüderung. Wie machen das die Singles jetzt eigentlich mit dem Sex? Vielleicht wird sich im Laufe der Zeit sowas wie eine “Corona- Ehe” einbürgern. Also, man aktiviert aus der Not heraus, ehemalige Sexualpartner oder gar Exfreunde,  versichert einander Gesundheit und strikte anderweitige soziale Distanz…

Alle Gewissenhaften und anderweitig Eingeschränkten verbleiben standhaft im Corona- Zölibat. 

Vielleicht ist jetzt auch die Gelegenheit einen Kreislauf zu durchbrechen, dem auch ich einst erlegen bin. Ich zitiere diesbezüglich wieder einmal aus dem Tagebuch Heimito von Doderers. 

(Tangenten Aus dem Tagebuch eines Schriftstellers 1940-1950, dtv 1968)

Der Eintrag stammt vom 1. September 1948:

Situation und Sexualität: Wir können aus der Situation unseres Lebens auch einmal in das Sexuelle geraten; aber die Mehrzahl der Menschen, scheint es, schafft sich durch ihre Sexualität Situationen.”

2 Kommentare

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Stichwort Corona-Ehe – spulen wir doch mal vier Wochen in eine mögliche Zukunft:
Untervögelte Single-Frauen ohne haushalts-integrierten Standardstecher ziehen marodierend (mit Sicherheitsabstand) durch die Städte auf der Suche nach getesteten Pimmelträgern.
Jede Frau besitzt dann eine beim Müllsammeln gebräuchliche Greifzange, damit sie aus den Händen der frisch getesteten Männer deren Test-Ergebnisse mit Sicherheitsabstand entgegennehmen können für eine nähere Prüfung.
Sollte dieser Test hinreichend aktuell sein, werden mit einer geübten Handbewegung Kondome ausgepackt und Quickies mit bemerkenswerten Nebengeräuschen können das Licht der Welt erblicken.

PS:
https://www.rbb24.de/panorama/thema/2020/coronavirus/beitraege/sex-dating-kontaktsperre-berlin-singles-coronavirus.html

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