CoronaDiaryPt3

Ich fühle mich schuldig. Hatte ich mir nicht genau das gewünscht? Eine Pause von Allem. Nicht mehr jeden Tag früh aufstehen, Kinder wegbringen, Haushalt, arbeiten, einkaufen, Kinder abholen, Hausaufgaben, Abendessen, spielen, vorlesen, aufräumen, noch irgendwas machen, schlafen, aufstehen etc. Ich hatte in der Nacht vor dem Morgen, an dem ich beschloss, die Kinder nicht mehr in Schule oder Kita zu schicken, also in dieser einen Nacht letzte Woche, von Mittwoch zu Donnerstag, ich hatte in dieser Nacht nicht geschlafen. 

Hatte mich aus der Wohnung geschlichen, als die Kinder schliefen, habe einen Freund besucht und mit ihm durchgemacht bis morgens. Als ich nach Hause kam, dachte ich, ich kann jetzt sowieso noch nicht schlafen, außerdem muss ich gleich die Kinder wecken, Frühstück machen, sie und mich anziehen und zur Schule bringen, aber ohgottohgott, wie soll ich das schaffen, halb müde, halb wach. Wie soll ich denn jetzt rausgehen, so als halber Zombie, ich muss schlafen, aber ich kann nicht schlafen, ich will ne Pause, bitte gebt mir eine Pause, bittebittebitte.

Auf Twitter fand ich dann diesen Artikel: Das Corona Virus: Was jetzt zu tun ist. Und danach war klar, nein, die Kinder dürfen auf keinen Fall mehr zur Schule und auch nicht in die Kita und es ist krass, dass der Senat das noch nicht verstanden hat und ich schrieb noch eine Warnung an meine Schwester und ich ließ die Kinder im Bett und ich war irgendwie erleichtert, mich auch hinlegen zu können und nicht rauszumüssen und den Tag vergammeln zu dürfen. 

Aber eigentlich hatte ich mit Pause was anderes gemeint. Pause meinte eigentlich: 

Mit dem Superbösen ballern und ficken. Das war unser Ding. Davon hatten wir doch zuletzt noch geträumt, bevor er wieder so gemein wurde.

Ballern und ficken, ballern und ficken. Ballern und ficken. Ich will doch eigentlich nur noch das und nur mit ihm. 

Aber es geht ja nicht und er ist ja nicht hier und es wäre zu gefährlich und er ist zu böse für mich, aber ich will ich will ich will, aber es ist egal was ich will oder wollen darf oder wollen sollte, weil – – –

Ich bin zu regressiv, zu unreif. Ich hab mich nicht im Griff. Man kann sich doch nicht immer nur gehenlassen wollen. Mir geht es gut, anderen geht es schlecht. Das hat er mir auch vorgeworfen: Ich würde mich in Selbstmitleid suhlen. Andere hätten ganz andere Probleme und zwar besonders er. Irgendwie stimmt das sogar.

Aber trotzdem. Alle denken immer, ich sei so super robust und stark, dabei bin ich ganz schwach, ganz klein und schwach und ich halte gar nichts aus und ich will nur das Eine und es ist klar, dass man mich nur verachten kann, wenn man das weiß. Die Leute mögen das nicht, wenn ich durchhänge, besonders er, weil man sich dann um mich kümmern müsste, aber wer könnte das wollen, sich um mich kümmern, ich bin das gar nicht wert, maßlos und schwach wie ich bin, das ist einfach nur abstoßend, erbärmlich und abstoßend und durchgeknallt.

Ich muss endlich erwachsen werden und darf nicht mehr so durchgeknallt und triebgesteuert sein. Ich muss erwachsen werden und mich zusammenreißen und abgrenzen und an was anderes denken.

Hab kurz mit dem Gedanken gespielt, doch mal Besuch kriegen zu wollen. Einen Menschen in meine Küche zu setzen. Zusammen Wein zu trinken, zu reden…

Ihn aber gleich wieder verworfen. Den Gedanken. Wegen des Risikos und der Überforderung. Wir haben uns hier so eingegroovt, die Kinder und ich. Ein Gast würde da nur stören. Zu gefährlich wäre es sowieso. 

Das Soziale ist ein Muskel, der schnell erschlafft. Ich habe eigentlich nichtmal mehr Lust, zu telefonieren. 

“Danach” (nach der Corona- Krise, also nach der C- Krise, also nach der Cerise, oder der Crise…?) werden wir uns alle wohl erstmal wieder aneinander gewöhnen müssen. 

Mir gefällt auch die Sache mit dem Abstand halten draußen ganz gut und dass man nicht mehr stehenbleiben und sich unterhalten muss, wenn man Bekannte sieht. Man winkt einander von Weitem zu und das wars. Das was früher asozial war, ist ab jetzt sozial. Vielleicht ist das ein Schritt in die richtige Richtung. Hin zu mehr Zivilisation. Der Feind, dass sind ja meist nicht die Fremden, sondern die Vertrauten. Aber wenn man Abstand zueinander hält, dann kann man sich nicht mehr zu nahe treten.

4 Kommentare

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Solange es meine Lieblingsbloggerin gibt wandere ich durch das dunkle Tal, macht mir garnichts brauch keinen Stab und Stecken. Nur die Worte von frauruth, sie erzählen mir mein ganzes Leben und es ist gut so. Chapeau!

Du bist grossartig, tüchtig, witzig, kreativ, siehst toll aus. Und mal durchhängen ist eigentlich Bürgerpflicht. Und wenn du schreibst, macht das die Welt besser. Danke.

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