CoronaDiaryPt2

Vormittags. Die Kinder spielen friedlich mit ihren Duplohäusern und dann gibt es Streit. Die Große (9) will nicht mit der Kleinen (5) spielen. Die Kleine regt sich auf. “Aber du  musst mit mir spielen! Du darfst nicht alleine spielen! Wenn ich mal woanders übernachte, bei Lala oder bei Bela, dann darfst du alleine spielen, sonst nicht!” “Aber du wirst nicht woanders übernachten.” erklärt die Große ruhig. “Es ist Corona- Krise.” 

Die Kleine schweigt. Ich seufze. Es ist Zeit aufzustehen. Duschen, anziehen, Frühstück machen. Die Kleine hat wieder gute Laune. Als ich im Bad bin, fragt sie durch die Tür: “Mama, wann machen die Schulen und Kitas wieder auf?” Die Große antwortet für mich: 

“Wenn sie ein Gegenmittel gegen das Virus gefunden haben, oder wenn die Pandemie vorbei ist.” “Genau.” rufe ich durch die Tür. Die Kleine akzeptiert die Antwort. 

Zum Frühstück wollen die Kinder, dass ich das Glas mit dem Apfelmus aufmache. Sie wollen Apfelmus zum Haferbrei, keinen geriebenen Apfel wie sonst immer. Ich weigere mich zuerst. “Aber warum denn?”

„Weil ihr erst die frischen Äpfel essen sollt.” 

“Aber wir wollen Apfelmus!” 

Ich will gerade sagen, nein, das geht nicht, das gibts erst, wenn es keine frischen Äpfel mehr gibt, wenn alle krank sind und niemand mehr da ist, um die Äpfel zu pflücken, zu verpacken, zu liefern, aber das kann ich ihnen doch nicht sagen, ich kann sowas doch nicht zu den Kindern sagen, also tue ich so, als sei alles normal und sage “Na gut” und schraube ihnen das Apfelmusglas auf und schreibe mir eine Notiz in den Einkaufszettel auf dem Handy: Apfelmus. Beim Kaffeekochen in der Küche denke ich nach. Ich habe mir letzte Woche noch einen Sack Kaffeebohnen gekauft, ein Kilo. Aber wenn das alle ist, wird es dann noch Kaffee geben? Oder soll ich mir sicherheitshalber noch ein Kilo holen? Kaffee schreibe ich ins Handy. Und: Wodka. Rotwein 2x! Sicher ist sicher.

Dann müssen wir los. Zum Zahnarzt. Eine Plombe ist rausgefallen. Vor der Ausgangssperre will ich das noch unbedingt reparieren lassen. Ich treffe mich mit meiner Schwester und deren Tochter, auf einem abgelegenen, einsamen Spielplatz, lasse die Kinder dort und fahre zu meinem Termin. Bis Herbst wird das alles dauern, schätzt die Zahnärztin. Sie macht weiter Reparaturen und Notfälle, aber sie fängt keine großen Sachen mehr an. Es kommen weniger Patienten, dafür war es letzten Donnerstag sehr voll. Sie hat laufende Kosten und macht sich Sorgen. Die Miete und die Angestellten müssen bezahlt werden. Die kassenärztliche Vereinigung hat ihr eine Mail geschrieben, mit Tipps, wie sie ihre Kosten senken könne. Sie solle einen Kredit aufnehmen, schlägt man ihr vor, oder beim Finanzamt um Stundung bitten. Dass man die Beiträge zur kassenärztlichen Vereinigung erstmal aussetzen könne, steht nicht drin. 

In der Sonne auf dem Spielplatz erzählt mir meine Schwester, dass ihr Arbeitgeber zu ihr gesagt hat, man würde sie nur bezahlen, wenn sie auch am Arbeitsplatz erschiene. Ein Architekturbüro.

Aber erstens soll man nach Möglichkeit nicht mehr im Büro arbeiten und außerdem hat ihre Tochter Asthma und gehört somit zu einer Risikogruppe. 

Sie könne ihre Tochter ja zur Arbeit mitbringen, oder sie beim Vater lassen, wenn sie zur Arbeit muss. Ich versuche, nicht zu hyperventilieren. Sie soll ihrem Chef vorschlagen, den PC mit dem für die Arbeit notwendigen Programm mit dem Auto abzuholen, damit sie von zu Hause aus für ihn arbeiten kann und ihm ansonsten nochmal in Ruhe die Sache mit dem Corona Virus erklären. Ich könnte ihn auch anrufen, sage ich, falls es ihr schwerfiele, die Argumentationsketten aufzubauen. Meine Schwester lehnt ab. Ich habe trotzdem Zweifel, ob sie den Ernst der Lage kapiert hat. Sie geht davon aus, dass die Schulen nach den Osterferien wieder aufmachen. 

Als wir wieder zuhause sind, muss ich ein Nachmittagsschläfchen halten. Wegen zu viel Sonne und frischer Luft. Die Kinder fragen, ob sie “sich inspirieren lassen dürfen”. So nennen wir fernsehgucken ab jetzt. Ich habe ihnen gesagt, wir seien eine Künstlerfamilie und Künstler sehen eben nicht fern. Künstler lassen sich inspirieren.

Vor dem Einschlafen denke ich an Sex mit dem Superbösen. Dann träume ich, dass es ständig bei uns an der Wohnungstür klingelt. Da alle Menschen zu Hause bleiben müssen, sind im Traum massenhaft Staubsaugervertreter unterwegs.

(morgen mehr)

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