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Trockenblumen

Ihr Mann war ein Muffel und sie kompensierte das durch ihre Liebe zu Trockenblumen. Da sie Blumen liebte und sich alle Blumen irgendwann in Trockenblumen verwandeln, liebte sie eben Trockenblumen. Ihr Mann war immer mürrisch. Besonders wenn sie Besuch da hatte. Und sie hatte immer Besuch da, weil er so mürrisch war. (Er war immer mürrisch, weil immer Besuch da war.) Als sie heirateten, steckte sie ihm einen Ring aus Gänseblümchen an den Finger, der im Laufe des Nachmittages vertrocknete. Sie liebte Blumen, wie gesagt. Sie ließ Fotos von sich machen, auf einem Sessel, auf dem sie saß, wie ein Schmetterling auf einer Blüte, mit großen Augen und einem Strauß trockener Rosen in der Hand, vor einer Blümchentapete. Sie bastelte sie an Haarspangen, trug sie an den Zopfgummi geklemmt, als Muster auf ihren weiten schwingenden Röcken und sah sie beim Orgasmus. Violette, sich drehende Blumen. Wahrscheinlich Trockenblumen. Ich würde gerne sagen, ich sähe beim Orgasmus regenbogenfarbene zerplatzende Krokodile, aber ich spreche ungern über meine Orgasmen. Das hat uns voneinander unterschieden. Was Männern der große Penis, ist Frauen die Orgasmusfähigkeit. Je größer der Orgasmus, desto fraulicher die Frau.
Der vaginale Sexfickorgasmus macht eine Frau zur richtigen Frau. Trockenblumensträuße hingen bei ihr kopfüber an den Wänden, sehr zum Ärger ihrer Putzfrau. Wegen des Staubes und der Spinnweben. Sie fotografierte Blumen und lud sie hoch. Jeden Tag neue. Ich würde gern sagen, ihr Mann hätte sie wegen den Trockenblumen verlassen, aber dem war nicht so. Seit der Scheidung ist er sehr charmant, aber in Wirklichkeit ist er immer noch mürrisch.

Die Heuchelei der Mittelklasse

Er kam zu spät, wie immer. Pierre kann nicht planen, deshalb muss ich ihn auch immer so antreiben. Als er kam, saß Ella schon am Tisch und freute sich aufs Essen. Dabei war eigentlich verabredet, dass er sie VOR dem Essen bei Ben und Ilka abholen sollte. Unsere Tochter Ella hatte dort den Tag verbracht, um mit ihrer Freundin Liora zu spielen.

Ilka war kühl und schaute säuerlich, Ben ließ sich nichts anmerken. Pierre setzte sich zum Warten auf die Treppe, die vom Wohnbereich in die Küche hinunter führt und schaute ihnen beim Spargelessen zu.

Er sprach dabei mit Ben über Politik und die Ausstellung, in der wir den freien Tag verbracht hatten.

Sie haben Pierre kein Wasser angeboten und keinen Wein, sie haben ihn da einfach auf der Treppe sitzen lassen und mit ihm geredet und dabei gegessen und er hat ihnen beim Essen zugesehen.
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Selbstporträt

Mir  [dropcap]ist nie zu heiß, so wie dem Gabba- Fan, ganz in schwarz, mit Docs an den Füßen und Cargohose und T- Shirt mit Aufdruck: Anarchy Now, bei 30 Grad auf der Wörther Straße.

Mir ist nie zu kalt, so wie der Lady ohne Hut und Handschuhe, in High Heels und Nylons auf dem Hausvogteiplatz, im Januar, bei Minus 10.

Ich bin so außer Atem, wie der Jogger in neongrünen Radlerhosen, der seine Dehnübungen macht, an der kleinen Birke Sredzki-, Ecke Kollwitzstraße.

Ich bin so klug, wie der Teilnehmer der Podiumsdiskussion, der in ganzen Sätzen spricht, ohne zu stottern und der sich durch keine Frage aus der Ruhe bringen lässt und der ganz gelassen beweist, dass ein Weltuntergang noch kein Weltuntergang ist.

Ich bin so mutig, wie der kleine Hund, der den großen Hund auf der anderen Straßenseite anbellt.

Ich bin so hungrig, wie die Dreizehnjährige, die sich in ihrem Zimmer verbarrikadiert, mit sämtlichen Obst- und Gemüsevorräten aus der Küche, welche die Mutter noch vor einer Stunde schweratmend in den vierten Stock ohne Fahrstuhl hinauf schleppte, um endlich abends, wenn die Kinder schlafen, sich in Ruhe vor dem Computer eine Orange schälen zu können.