Bleu Blanc Rouge

Immer wenn ich in Frankreich bin, frage ich mich, warum ich nicht dort lebe und in Deutschland Urlaub mache. Aber warum sollte irgendjemand in Deutschland Urlaub machen? Das Wetter ist schlecht, die Landschaft ist so lala, nicht besonders spektakulär jedenfalls, über das Essen brauchen wir gar nicht erst zu reden. Nach Deutschland könnte man höchstens mal kurz hinfahren, um sich die Orte des Schreckens anzusehen, weil das eben zur Allgemeinbildung gehört. Das hier war mal Dresden, das war mal Berlin, das war mal Köln, da hat der Hitler gewohnt und da die Juden und jetzt wohnt da keiner mehr, da ist jetzt eine Fußgängerzone, da kann man panierte Champignons kaufen und Schmalzstullen essen.

In Frankreich ist alles viel besser. Besonders die Männer sind schöner. Nicht nur das. Sie machen auch noch Scherze und sagen Madame zu mir. Aber Frankreich ist so teuer!

Ein Café au lait und ein Austernhummer kosten so viel wie 10 kg Schweinehochrippe beim Aldi.

Dafür ist in Frankreich die Luft sauberer. Weil der Strom in wenigen supersicheren Atomkraftwerken erzeugt wird. Nicht mit Kohleturbinen und Müllverbrennung wie in Deutschland. Außerdem gibt es kein einziges Windrad, aber dafür jede Menge wunderschöne tiefschwarze Solarzellen.

Wenn man in Frankreich beim Bäcker war, rennt man schreiend aus den deutschen Teigverwaltungsstuben hinaus. In Frankreich gibt es Bäcker, die backen selber (!) und zwar mit Butter und echtem Zucker, nicht mit Erdöl, Restfettöl, Margarine und Glukosesirup.

Aber wem sag ich das. Hier versteht ja doch keiner, wovon ich spreche.

Aber die Franzosen sind unerträglich. Supernervig. Können keine Nespressomaschinen bedienen. Sind sofort eingeschnappt, wenn man ihnen sagt, dass sie den Stecker einstecken müssen und Wasser einfüllen. Außerdem nölen sie die ganze Zeit rum. Weil ihnen zu heiß ist. Oder es Mücken gibt. Die Franzosen leihen sich Geld und geben es nicht zurück. Außerdem reden sie viel zu viel. Die Hälfte der Zeit in Frankreich verbringt man damit die riesigen Einkaufswagen in den 20 Fußballfelder großen Hypermarchés zu füllen. Gar nicht so leicht bei all den Käsesorten, Gurkensorten, Olivensorten, Radieschensorten, Chipssorten, Sortensorten.

Die andere Hälfte der Zeit wartet man an der Kasse. Sie sind so langsam! Sie quasseln so viel. Die ganze Zeit: Bonjour Madame, nananananananana, merci Monsieur, nananananananananna, au revoir Madame.

Puuh. Was aber gut ist: Es gibt keine Touristen. Zumindest in Marseille nicht. Man merkt es erst nach einer Weile.

Huch, warum ist es denn so angenehm hier? Ach so. Weil es keine Straßenmusiker gibt, keine angesprühten Statuenmenschen, keine Breakdancer, Straßenclowns, Marionettenspieler, Porträtmaler, Karikaturisten. Erst wenn die nicht da sind, merkt man, wie sie stören. Es gibt nur ein paar Bettler ab und zu. Halten einem die geöffnete Hand hin, still und leise, wollen eine Zigarette oder ein paar Sou.

Lächelt man nett. gibt nix und geht vorbei. Kein Problem.

In der U- Bahn passen Soldaten mit Maschinengewehren auf. In der Eisenbahn Polizisten in dunkelblau, mit Pistolen und Schlagstöcken und allem.

Aber keiner will den Fahrschein sehen. Die Schaffner sind bekifft und haben rote Augen. Das erzeugt Vertrauen. Die Franzosen setzen die richtigen Prioritäten.

Ich habe mich da beschützter als in Deutschland gefühlt. In Deutschland ist man als Mensch eigentlich egal, es ist nur wichtig, dass man immer einen gültigen Fahrausweis hat.

In Frankreich gibt es überall Betonsperren gegen terroristische Lieferwagenfahrer. Kann man sich gut draufsetzen, wenn man auf die Fähre zu den romantischen Mittelmeerklippen wartet.

Ja, Terrorismus hat nicht nur Nachteile.

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Published on: August 31, 2017

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