Bitte nicht klingeln

Berliner Zeitung vom 15.11.2019 Seite 9 / Berlin

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Bitte seien Sie am Montag zwischen zehn und zwölf Uhr zu Hause, zwecks Austausch des Warmwasserzählers“ – stand auf dem Zettel im Briefkasten.

Kein Problem, ich bin als Freischaffende ja meistens daheim. Aber es ist natürlich trotzdem Stress, wenn man aufgefordert wird, Fremden die Tür zu öffnen. Genau wie letztes Jahr, als sie die neuerdings gesetzmäßig vorgeschriebenen Rauchmelder eingebaut haben, oder als für eine Standard-Qualitätsprüfung Wasserproben entnommen werden mussten. Es ist nicht nur, dass man anwesend sein muss, wenn Monteure sich ankündigen, man muss ja auch bekleidet sein. Und aufräumen muss man wegen denen auch. Damit sie sich nicht durch dreckiges Geschirr in der Spüle hindurcharbeiten müssen. Oder den Staub und das ganze „kreative Chaos“, die Wäscheberge und leere Flaschen und so weiter sehen.

Man will ja einen guten Eindruck machen.

Vielleicht liegt es an meiner Sozialisierung als DDR-Bürgerin.

Ich fürchte wohl unterbewusst, bei unaufgeräumter Wohnung könnte Meldung gemacht werden, an die Hausverwaltung, das Jugendamt, die Rentenversicherung, den Geheimdienst, die Regierung.

Aber was sein muss, muss sein.

Montagmorgen um zehn.

Ich habe aufgeräumt, bin bekleidet und hoffe, es bald hinter mich gebracht zu haben. Ich sitze herum und versuche zu lesen.

Schon halb elf. Ich sitze immer noch da. Blättere durch eine alte Illustrierte, als wäre meine Wohnung ein Wartezimmer beim Arzt. Ich fühle mich heimatlos, beobachtet, als wären die Wände aus Glas. Gleich klingelts! Gleich kommt der Monteur! Jeden Moment kann es so weit sein!

Ich warte schicksalsergeben auf den schrecklichen Ton. Ich respektiere das Anliegen meiner Hausverwaltung. Ihnen gefällt mein alter Warmwasserzähler nicht? Kein Problem! Kommen sie rein, tauschen sie um! Vielleicht entdecken Sie bei der Gelegenheit noch andere Sachen, die sie gern umtauschen wollen? Fenster, Rohre, Waschbecken, Bodenbeläge, Sonstiges? Ich kann Ihren Vasallen immer und jederzeit Zutritt zu meiner Wohnung gewähren, weil ich muss ja. Ist ja auch schon elf und ich bin sauer. Sinnlos sauer. Ich finde meinen Warmwasserzähler prima. Der dreht sich und zählt und macht sein Ding und kann nicht jeden Moment an meiner Tür klingeln. Ach ja, das ist nicht meine Tür, fällt mir ein und genaugenommen nicht meine Wohnung, das ist alles nur gemietet und deswegen können die so mit mir umspringen.

Ich höre die Stimmen meiner Exmänner im Chor. Übertreib nicht! rufen sie. Reg dich nicht sinnlos auf. Sinnlose Hysterie!

Normalerweise stelle ich die Türklingel immer aus. Bei mir soll nicht einfach so geklingelt werden können.

Man darf mich nicht stören können. Denn selbst wenn ich zu Hause bin, bin ich doch nicht zu Hause. Ich bin Schriftstellerin. Ich schreibe! Ich schwebe in Fantasiewelten. Ich befinde mich nicht in meinem Heim, an meinem Schreibtisch, sondern außerhalb der Grenzen des sichtbaren Universums.

Wenn ich schreibe, dann darf ich nicht unterbrochen werden. Und sonst auch nicht. Wenn ich nicht schreibe, dann denke ich nach, dann träume ich. Schlafwandler darf man ja auch nicht wecken.

Und wenn ich nicht nachdenke, dann schlafe ich! Ich brauche viel Schlaf.

Deswegen ist bei mir immer die Klingel aus und das Handy auf lautlos gestellt.

Das muss auch sein, denn sonst läuten sie alle bei mir. Paketboten zum Beispiel. Aber ich will auf keinen Fall die Pakete meiner Nachbarn annehmen. Weil die ja dann zum Abholen auch wieder bei mir klingeln würden. Ich habe ja eine solche Abscheu gegen plötzliches Klingeln, dass ich nicht mal meine eigenen Pakete annehme, sondern die immer bei den Nachbarn abhole, die netter als ich sind, oder nicht so durchgeknallt, wie meine Expartner sagen würden.

Elf Uhr.

Ich warte. Ich muss mal. Ich trau mich nicht, auf die Toilette zu gehen. Könnte ja sein, dass es gleich losgeht.

Nicht mal Musik darf ich jetzt hören. Mein Türklingelton webt sich nämlich problemlos in bestehende Soundteppiche ein, wenn ich mich recht erinnere. Es ist ein harmonischer Dreiklang, wie beim Bürgeramt, wenn die nächste Wartenummer aufgerufen wird.

Zwölf Uhr.

Das Zeitfenster ist abgelaufen. Kein Klingeln, kein Monteur. Ich hänge die Klingel wieder aus und tauche wieder in meine Fantasiewelt ein. Warum kam der Monteur nicht? Ich weiß es nicht. Vielleicht war er wie ich. Vielleicht war er der einzige Mensch auf der Welt, der mich versteht. Vielleicht mochte er auch kein Klingeln.

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