Billets und Bakterien

Eigentlich wäre das ja ein Job für mich. Mitarbeiterin des Ordnungsamtes. Des ganzen Tag an der frischen Luft sein. Eine schicke Uniform tragen und allein unterwegs sein. Wie so ein Cowboy. Falschgeparkte Autos entdecken und Knöllchen ausdrucken. Man könnte immer sehen, was es in der Gegend Neues gibt. Welche Baulücke wieder bebaut wird, welcher Laden pleite gemacht hat und wo ein neuer eröffnet wird. Irgendwann kennt man sich dann aus. Welche Autos wann wo geparkt sind. Wie die Leute leben. Wer sich scheiden lässt, wer sich neu verliebt, wer Kinder bekommt, wer Karriere macht, wer hinzieht, wer wegzieht, wer Besuch bekommt, wer nicht. Für mich als Schriftsteller sind das wichtige Infos. Inspiration!
Die vom Ordnungsamt sind zwar (hier beliebige Schimpfwörter einfügen), aber wenigstens wirken sie noch wie normale Bürger. Bei den Fahrkartenkontrolleuren ist das schon anders. Die sehen allesamt aus wie Vorbestrafte und Kleinganoven. Ich finde das schon krass, dass man Montagmorgens als braver Bürger auf dem Weg ins Kombinat, Mafiosis und Schlägertypen den Fahrschein zeigen muss.
Ich mag es, wenn es Regeln gibt und sich die Leute an die halten. Denn was ist das für eine Stadt, in der Gangster Fahrscheine kontrollieren und man nicht falsch parken darf, aber dealen im Görlitzer Park ist erlaubt, denn die Polizei hat den Görlitzer Park aufgegeben, steht in der Zeitung. Und im Prenzlauer Berg hat jetzt fast jeder einen Hund. Weils schick ist?  Neulich waren wir essen, thailändisch und da ist eine Frau mit ihrem Hund ins Lokal reingegangen und hat sich da hingesetzt. Ich fand das unhygienisch und habe böse geguckt und sie dann so schuldbewusst und dann habe ich im Restaurant, es war so ein Selbstbedienungsrestaurant, am Tresen gefragt, ob das ok sei, dass die da mit ihrem Hund drin ist. Und die Frau hinterm Tresen hat mich erst nicht verstanden und so nett asiatisch gelächelt, ja ist ok, ist ok! Weil sie vielleicht dachte, das ist mein Hund und ich sagte, nein, das ist nicht mein Hund, aber ob das ok ist, das hier Hunde im Restaurant sind, an der Tür sind Hunde doch durchgestrichen? Sie tat mir jetzt leid udn ich hätte doch lieber nichts sagen sollen, zu der Frau hinterm Tresen, sie wollte nur Frieden und das alle sich wohlfühlen. Aber sie bestellt nur und geht dann, sagte die Frau hinterm Tresen, also sie wollte mich vertrösten und ablenken, sie wollte keinen Konflikt und ich ja auch nicht, außer, dass ich es unhygienisch fand, den Hund und dass man das doch eigentlich nicht darf und die Frau vom Restaurant wollte einfach nur keinen Stress und Geld verdienen und zufriedene Kunden und ich sagte zu mir, reg dich nicht auf, iss dein Essen, sei nicht hysterisch, sei nicht wie so ein besorgter Bürger, und die Frau mit dem Hund ging nicht weg, die hat da gegessen, der Hund lag da ganz lieb am Boden und man musste mit seinem Tablett voll Essen um ihn herum gehen und er liegt da nur und glaubst du denn, fragte ich mich, dass irgendwelche Hundebakterien jetzt in der Restaurantluft schweben, der liegt doch da unten und er atmet und vorhin hat er gekackt und trotzdem, er wird dein Essen nicht kontaminieren, wenn du aufpasst, dass seine feuchte Hundeschnauze beim Vorbeigehen nicht dein Hosenbein berührt, ist alles ok. Leben und leben lassen und die Vielfalt feiern und da einfach nicht mehr hingehen, in dieses Hunderestaurant, wo sie Hundefutter verkaufen und Hunde erlauben, denn nun kam noch einer mit Hund rein, ein Familienvater, also mit Hund und Kindern, ein ganz schmerzbefreiter, der seine eigenen Kinder tagtäglich den giftigen Hundebakterien aussetzt, der seinen Hund streichelt, mit der gleichen Hand mit der er sein Kind streichelt, mit der gleichen Hand mit der er isst. Ich drehte ihnen allen den Rücken zu und aß mein Essen, das eigentlich ganz lecker war und gar nicht wie Hundefutter schmeckte, aber wo ist das Ordnungsamt fragte ich mich, warum ist das erlaubt, Hunde im Restaurant und Dealen im Park und es gibt keine Regeln mehr und das macht mir Angst. Die Zivilgesellschaft löst sich auf. Auf dem Rückweg kam ich an so einem neueröffneten Laden vorbei, Ledertaschen, Lederrucksäcke, Lederportemonnaies, alles aus Italien, alles schön und da waren auch welche mit Hund drin, so Luxusweiber und das Tier schnüffelte an allen Taschen und ich dache, warum sagt der Chef nichts, warum lässt er den Hund an seine Ware? Früher war das mal anders, da war an der Stelle wo jetzt der Lederladen ist, eine stadtweit bekannte 24 Stunden Absturzkneipe und da bin ich rausgeflogen, weil ich Willy, meine Albinoratte auf der Schulter trug. Aus hygienischen Gründen. Aber sie sitzt nur auf meiner Schulter, sie ist ganz lieb, sagte ich und es war frühmorgens um fünf. Nein, sagte der Chef, das geht nicht, das ist unhygienisch und ich durfte nicht mal meinen Gin Tonic austrinken und ich habe rumgepöbelt und mich beschwert und es hat nichts geholfen, früh um fünf bin ich wegen meiner Ratte aus der Absturzkneipe geflogen und jetzt darf der Hund von den Luxusweibern die ganzen Luxusledertaschen beschnüffeln mit seiner feuchten bakterienverseuchten Schnauze. Ist das jetzt besser als früher?

 

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Published on: Oktober 25, 2016

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One Response to Billets und Bakterien

  1. Lis sagt:

    Der Cousin meiner Mutter hat, als er nicht mehr als Busfahrer arbeiten konnte (er hatte Rückenprobleme), Fahrscheine kontrolliert. (Das war praktisch: ich hab ihn immer angerufen, ob gerade kontrolliert wird, und bin dadurch oft gratis gefahren.)

    Angesichts der Tatsache, dass er schon in meiner beschaulichen Kleinstadt oft genug von erwischten Schwarzfahrern attackiert wurde, wundert es mich nicht, dass da mittlerweile nur noch Leute arbeiten, die eine einschüchternde Ausstrahlung haben.

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