Berlinale Tag Zehn (Freitag): Schwarzes Zelluloid

Der Film  beginnt um 22 Uhr im Imax.

In 20 Minuten gehts los.
Ich setze die Brille auf und kann nun das handgemalte Schild an der Kasse lesen:

El abrazo de serpiente- AUSVERKAUFT!

Ich fahre die Rolltreppe hoch zum Imax- Eingang und stelle mich in die Schlange der

Leute mit Badges, aber ohne Karten.

Wir kommen nicht rein, das Kino ist voll.

Runter in den Keller zum Cinestar 7 komme ich mit dem Badge ohne Probleme um 22 Uhr 30
in „Europe, she loves“.

Sechs, oder vier, oder drei, oder zehn Pärchen all over Europe.

Sie tun, was Pärchen tun: sich streiten, bumsen und leider auch die ganze Zeit kiffen.

Paare! So viel Kiffen macht dumm, wisst ihr das nicht?

So haben sie auch nicht Substanzielles zu sagen oder zu tun.

Leben so vor sich hin, in Dublin, Thessaloniki und Tallin.

Nach einer Weile suche ich nach der Maus, um den Fortschrittsbalken auf der Leinwand einzublenden.

Ach so, ich bin im Kino, nicht bei Netflix. Ich schaue auf mein Telefon.

Es ist erst elf.

Fuck. Was nun? Wenn ich jetzt rausgehe, stehe ich mutterseelenallein um elf auf dem Potsdamer Platz.

Ich will später noch zu einer Party, aber mein Kumpel ist erst ab halb eins dort.

Ich muss durchhalten.

Ich halte den Film durch, ich halte die Party durch und morgens

finde ich meinen Mann in einem noch demoralisierteren Zustand als gestern.

Um ihn aufzumuntern, gebe ich ihm etwas Sternenstaub ab.

Wir sitzen in Küche, rauchen und vergleichen unsere Filmfestival- Erfahrungen.
Er war schon Cannes, da gäbe es auch viel Mist, aber wenigstens der Wettbewerb sei von etwas höherer Qualität gewesen.
Aber er wolle auch nicht ungerecht sein, er hätte ja auch viele sehr gute Sachen, ja sogar ganz fantastische, auf der Berlinale gesehen, fügt er hinzu.
Bevor er wieder anfangen kann, Beispiele aufzuzählen, da habe ich jetzt echt keinen Nerv für, sage ich:
Ja klar, natürlich.
Er meint:
Viele Filme hätten keinen Anfang und kein Ende. Keine Geschichte, bzw. zu wenig Geschichte für einen ganzen Film.
Das sei eben so auf Filmfestivals, sage ich.

Ich war zwei Mal in Saarbrücken, beim Ophüls Preis und bin jedesmal vollkommen zerrüttet wieder nach Hause gefahren.

Man traue sich ja schon gar nicht mehr ins Kino, sagt mein Mann.

Plötzlich ist es schon wieder früh um acht und er macht sich doch wieder auf den Weg zum Potsdamer Platz.

Wie so ein Lemming.

Wenn ich ihn lebend zurück bekomme, besorge ich mir nächstes Jahr wieder eine Akkreditierung.

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Published on: Februar 20, 2016

Filed Under: Berlinale von außen

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